Keine Panik, Mädels!


„Und denken Sie immer daran: Dem Gegner fest in die Augen sehen! Das Überraschungsmoment konsequent nutzen und zuschlagen, noch bevor Ihr Gegner es erwartet. Nur keine Panik. Und lassen Sie sich nicht einlullen. Fangen Sie erst wieder an zu denken, wenn der Gegner flieht oder kampfunfähig ist! – Danke, das wär’s dann für heute.“

„Warum müssen diese Selbstverteidigungskurse für Frauen eigentlich unbedingt abends liegen? Ich hasse es, allein im Dunkeln nach Hause zu gehen.“

„Hast du nachts Angst?“

„Deswegen bin ich doch hier.“

„Oh Petra, du hast doch gelernt dich zu verteidigen“, sagte Barbara und schob sich eine vereinzelte, verschwitzte Strähne aus dem Gesicht. „Wenn du willst, kann ich dich nach Hause begleiten.“
„Ach was. Ich komm schon klar.“

„Im Ernst: Das ist ja alles schön und gut, die Trillerpfeifen, die Tritte, das Schreien und das Tränengas. Aber wenn du auf Nummer Sicher gehen willst, dann nimm das hier.“ Barbara hatte etwas silbern Glänzendes aus ihrer Tasche gezogen und hielt es Petra hin. „Das sind neun Millimeter geballte Überzeugungskraft. Die halten jeden Vergewaltiger von seinem Vorhaben ab. Todsicher.“

„Barbara! Du kannst doch keine Waffe mit dir rumschleppen.“

Petra hatte das kleine Kunstwerk aus Nickel und Perlmutt bereits in der Hand. Es fühlte sich gut an, wesentlich besser als die Dinger mit Tränengas.

„Warum nicht?“

„Das ist verboten. Und …“

„Und was? Das ist ja nur für den Fall der Fälle. Also steck sie schon ein.“

„Und du?“

„Ich hab vorsorglich immer zwei dabei, mach dir um mich mal keine Sorgen.“

Eigentlich gegen ihren Willen ließ Petra die Waffe ohne weitere Widerrede in ihrer Handtasche verschwinden.

In der U-Bahn saßen zu dieser späten Stunde nur eine Handvoll Leute. Petra beäugte sie misstrauisch. Die Mehrzahl waren Männer. Einer in ihrer Nähe öffnete geräuschvoll eine Dose Bier und stierte zahnlos grinsend zu ihr hinüber. Ein anderer weiter hinten schien sie ebenfalls zu beobachten.

„Die meisten Frauen machen sich selbst zu Opfern, weil unsicher und ziellos wirken!“ schoss es Petra durch den Kopf. Sie setzte sich so aufrecht hin wie sie konnte. Der Kerl mit der Dose prostete ihr zu.

„Auch ’en Schlug?“
Petra ignorierte ihn und sah stur aus dem Fenster. Gleich kam ihre Station. Der andere Kerl ganz hinten fixierte sie immer noch.

„Dann nich. Sprichst woll nicht mid jedm.“

Petra stand auf und ging zur Waggontür. Kurz darauf stand auch der Mann ganz hinten auf. Petra beschlich ein unangenehmes Gefühl. Der Kerl sah zwar eher bieder aus, aber er hatte sie die ganze Zeit über angesehen und sich erst nach ihr entschlossen, an dieser Station auszusteigen. Manchmal waren die auf den ersten Blick harmlosen Kerle die schlimmsten.

Petra überlegte. Sie könnte sich wieder hinsetzen und eine Station später aussteigen. Der Weg war in etwa der gleiche. Doch dann würde sie mit dem Betrunkenen fast allein im Waggon sein.
Der Zug hatte kaum gehalten, da war Petra schon aus dem Wagen. „Keine Panik!“ Sie ging schnell, aber ohne Hast auf den Ausgang zu. Der Zahnlose hatte jetzt ebenfalls den Wagen verlassen. Vielleicht doch noch mal zurück? Das Signal zum Schließen der Tür ertönte bereits. Zu spät! Petra sah sich um. Sie war allein mit den beiden Männern.

Die Straße war hell erleuchtet. Petra hatte vielleicht zehn Meter Vorsprung. Sie beschleunigte ihre Schritte. In die erste Querstraße bog sie ein. Petra musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass die beiden noch hinter ihr waren. Hier war das kaum ein Problem. Auf der Gegenseite waren noch Passanten und es war sehr hell. Aber gut 50 Meter weiter musste rechts abbiegen und da gab es kaum Beleuchtung. Eine kleine Nebenstraße, und sie führte auch noch an einem Park vorbei. Sicher warteten die beiden nur auf diese Gelegenheit. Vielleicht gehörten sie sogar zusammen? Sollte sie besser einen Umweg gehen? Wenn sie nur so schnell laufen könnte, wie ihr Herz schlug! An der Ecke zur dunklen Seitengasse kramte sie die Pistole aus der Handtasche und verstaute sie in der Manteltasche.

Sicher war sicher.

Das schnelle Gehen wechselte mühelos in eine Art Trab. Petra war kurz vorm Laufen. Sie wusste, dass sie sich nicht umdrehen sollte, tat es aber trotzdem. Der Kerl mit der Bierdose bog gerade in den Park ein. Wenn er ihr den Weg abschneiden wollte, war er schief gewickelt. Sie würde gleich wieder links abbiegen. Der andere schien die Straße weiter geradeaus zu gehen.

Also keine Gefahr mehr. Petra entspannte sich und verfiel wieder in den normalen Gang. Zur Sicherheit drehte sie sich noch mal um. Verdammt. Der Kerl war doch schon an der Seitenstraße vorbeigegangen. Jetzt war er auf einmal doch eingebogen und kam mit raschen Schritten auf der anderen Seite der Straße hinter ihr her. Nun hatte sie den einen rechts von sich im Park und den anderen links hinter sich auf der Straße. Sie hatten sie eingekreist. Am liebsten hätte Petra laut geschrien.

Aber: „Keine Panik! Keine Angst zeigen!“

Der Kerl auf der linken Seite kam rasch näher. Es sah aus, als ob er fast lief. „Danke für die guten Ratschläge“, dachte Petra und gab ihrer aufkommenden Panik nach. Sie lief. Ein klassischer Fehler, und sie wusste das.

Nach wenigen Metern war ihr klar, dass sie keine Chance hatte. Einen Mann abzuhängen und das in Pumps, war aussichtslos.

„Hallo! Warten Sie doch mal.“

Plötzlich wurde Petra ganz ruhig. Sie wusste, was zu tun war. Sie hatte es wochenlang geübt. Sie blieb stehen, aber drehte sich nicht und wartete.

„Ich glaube Sie haben etwas verloren. Da hinten an der Kreuzung.“

„Dummer Trick“, dachte Petra und umklammerte die Waffe in der Manteltasche.

„Hallo, haben Sie keine Angst, ich will nur …“

Jetzt war es soweit. Er war ganz dicht an ihr dran. Sie spürte es fast auf der Haut. Petra wirbelte herum. Sie zog die Waffe, ihr Daumen schob den Sicherungshebel hoch, ihr Finger krümmte sich am Abzug. Im gleichen Moment sah sie das eigentlich viel zu freundliche Gesicht und den Schlüsselbund in der hocherhobenen Hand. Zu spät. Der Schuss krachte und durchschlug den Oberschenkel des Mannes. Das warf in glatt zu Boden.

Petra überlegte, ob das wirklich ihr Schlüssel war. „Nicht einlullen lassen!“ erinnerte sich Petra und hielt die Waffe weiter im Anschlag.

Der Mann am Boden stöhnte und wälzte sich auf den Rücken. „Verdammt! Was soll denn das?“ Dann starrte er Petra entgeistert an, die eine kleine 9 Millimeter auf ihn gerichtet hielt und heftig anfing zu zittern.

„Nehmen Sie die Waffe herunter! Ich bin Polizist!“

„Ach ja!“ kreischte Petra und sie merkte, wie sich ihre Stimme überschlug.

„Im Ernst. Ich bin von der Polizei. Sie nehmen jetzt sofort die Pistole runter, oder ich mache von der Schusswaffe Gebrauch!“

Jetzt erst sah Petra, dass der Kerl auch eine Waffe in Hand hatte. Sie war groß und dunkel. Ihr Lauf zeigte ganz ruhig auf Petra. Was blieb ihr übrig. Sie versuchte sich wieder zu beruhigen, aber das Zittern wollte sich nicht legen.

„Oh Gott verflucht! Das gibt’s doch überhaupt nicht!“ schrie der falsche Polizist auf einmal. Er riss den Lauf seiner Pistole noch ein Stück auf sie zu und Petra wusste mit einem Mal, dass er jetzt abdrücken würde. Polizist hin oder her. Es ging um Leben oder Tod. Die Schüsse krachten fast gleichzeitig durch die frostige Nacht. Der Mann vor Petra schlug aufs Pflaster zurück und rührte sich nicht mehr.

Er hatte vorbei geschossen. Da war Petra sicher. Sie stand noch und fühlte keinerlei Schmerz. Dann schlug ihr etwas hart gegen den Rücken und brachte sie ins Straucheln. Sie machte zwei kurze Schritte, dann hatte sie wieder sicheren Stand. Was war das? Petra drehte sich um. Da lag der Typ mit der Bierdose vor ihr. In der halb geöffneten Hand ein Messer und in seiner Stirn ein kleines, aber keineswegs harmloses Loch. Petra ließ ihre Pistole zu Boden fallen und fing endlich an zu schreien.

Mehr Kurzkrimis