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Der letzte Gentleman - Kurzkrimi

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Der letzte Gentleman

 

Der letzte Gentleman

(Kurzkrimi)

 

Das Schöne an so einer Zugfahrt ist, dass man immer neue Leute kennenlernt. Das ist wie beim Lotto, man zieht ein Abteil und bekommt eine oder mehrere Personen zugewiesen. Manchmal weiß man allerdings nicht, ob diesen oder jenen wirklich hätte kennenlernen müssen. Und wer glaubt, dass Höflichkeit sich letztendlich immer auszahlt, der lese erst mal folgende Geschichte.

 

„Sehr geehrte Fahrgäste, die Crew des ICE 778 von Stuttgart über Frankfurt am Main nach Hamburg Altona begrüßt sie mit einem Herzlich Willkommen an Bord. Die Außentemperatur beträgt 37°, unserer mittlere Reisegeschwindigkeit beträgt 196 km/h, wir erreichen die nächste Station Hamburg, voraussichtlich fahrplangemäß um …“

Karl sah auf seine Platzreservierung. Das Abteil war leer. Wie auch die anderen beiden Abteile neben seinem. Dienstags morgen gegen 10 war der Reiseverkehr gering. Vor allem in der ersten Klasse. Karl wuchtete seine Reisetasche ins Gepäcknetz und setzte sich ans Fenster. Drei Tage Hamburg. Geschäftsreise. Alles erster Klasse. Auch, wenn er seine Familie vermissen würde und in den drei Tagen jede Menge Arbeit vor ihm lag, er würde die Zeit trotzdem ein wenig genießen. Seine Laune war erstklassig, das würde sich auch positiv auf seine Geschäfte auswirken.

„Entschuldigung!“ sagte jemand, der leise die Tür aufgezogen hatte. „Ist das hier Platz 37 in Wagen …?“

Karl sah auf und schluckte. Sie war absolut atemberaubend. Die große Sonnenbrille hatte sie ein wenig von der Nase geschoben, um besser sehen zu können. Sie war vielleicht etwas über dreißig, hatte eine Figur, wie zwei am Boden zusammengeklebte Cola-Flaschen. Karl riss seinen Blick weg von ihr und starrte auf die Nummern an den Sitzen.

„Ja, … ja, Platz 37, genau!“

„Dann bin ich ja richtig“, sagte sie. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und stellte ihren kleinen Reisekoffer auf den freien Platz neben sich. Als sie ihre Beine übereinanderschlug hätte sie ihm beinahe einen ihrer Lackpumps gegen die Kniescheibe gerammt. Die Schuhe waren schwarz und blank, so dass Karl sich darin sehen konnte.

„Entschuldigung“, sagte sie, als er seine Knie ein wenig beiseite zog.

„Das macht doch gar nichts“, sagte er und dachte darüber nach, wie die Bundesbahn es fertig brachte, in einem fast leeren Zug die Sitzreservierungen so zu vergeben, dass man sich auf die Füße treten musste. Doch in diesem Fall war es ihm eigentlich recht. Die Frau sah großartig aus. Und sie roch gut. Karl schnupperte nach der Moschus-Wolke, die zu ihm herüber schwebte.

Dann widmete er sich wieder seiner Zeitung. Die Frau machte ihn verrückt. Wenn er die Zeitung nur ein wenig höher hob, konnte er den Rand ihrer Strümpfe unter dem Rocksaum verschwinden sehen.

...

 

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