
(Kurzkrimi)
Was tun, wenn sich das Erbe nicht wirklich sinnvoll teilen läßt? Verzichten will wohl keiner. Aber wenn für zwei ungleiche Brüder die Existenz davon abhängt, kann es eine Frage des Timings sein, wer einen solchen Streit überlebt.
Steven hatte sich telefonisch angemeldet. Sein Bruder wusste also, dass er kam, aber er war auch der einzige. Nicht einmal Kate hatte Steven eingeweiht, sie würde später Stock und Stein behaupten, dass Steven den Abend und die ganze Nacht bei ihr verbracht hatte. Diese ganze Angelegenheit musst vorzeitig bereinigt werden. Seit seine Mutter im Krankenhaus gelegen hatte, war klar, dass sie den nächsten Winter nicht überleben würde. Dann würde Marco die Hälfte des Vermögens erben. Steven müsste ihn ausbezahlen und das würde ihm wahrlich schwerfallen. Trotzdem, es konnte gehen. Aber Marco wollte ja gar nicht ausbezahlt werden. Er wollte mit seiner Hälfte der Anteile auch die Hälfte der Geschäftsleitung übernehmen. Als wenn Steven nicht schon genug um die Ohren hätte! Sein Bruder Marco war ein Luftikus. Er hatte keinerlei Ahnung von Geschäften. Wenn er ihm dazwischenfunken würde, wäre die Existenz der ganzen Firma in Gefahr. Das musste Marco doch einsehen. Am Telefon allerdings hatte es nicht danach geklungen, als wenn Marco das einsehen würde. Daher hatte sich Steven ins Auto gesetzt und war losgefahren.
Marcos Haus lag ganz oben auf einem Felsenkliff, ein alter Leuchtturm, der außer Betrieb war. Marco hatte das Nebengebäude und den Turm für einen horrenden Betrag sanieren und ausbauen lassen. Seitdem lebte er dort recht einsam und zurückgezogen. Seine einzige Beschäftigung war das Bauen von Flaschenschiffen. Was ihn jetzt bewog, wieder ins Geschäftsleben zurück zu kehren, blieb Steven schleierhaft.
Die kleine anderthalbspurige Küstenstraße schlängelte sich in endlosen Haarnadelkurven dreißig Kilometer hinauf. Auf der Meerseite der Straße ging es manchmal bis zu 150 Meter hinab. Ein nervöser Autofahrer würde sich in den Kurven möglichst dicht an die Landseite kleben. Aber nicht Steven. Er war ein exzellenter Fahrer, früher war er Tourenwagen-Rennen in Toronto gefahren. Hinter der letzten Kurve ging es noch gut fünfzig Meter geradeaus, bis auf den kleinen Vorhof.
Marco hatte seinen Bruder schon vor 10 Minuten mit dem Fernglas entdeckt. Er stand am Tor und hielt es auf. Steven nickte ihm zu und fuhr vor die Garage.
„Stell ihn ruhig rein. Es wird gleich zu regnen anfangen“, rief Marco und drückte die Fernbedienung für das Garagentor. Aber das Tor öffnete sich nur zur Hälfte und blieb dann stecken.
„Klemmt ewig, das Mistding.“
„Ist doch egal, soll er doch nass werden.“
„Trotzdem, ich muss da gleich mal ran. Das Tor geht mir auf die Nerven, ehrlich. Wenn ich nicht gleich was mache, schiebe ich es nur wieder vor mir her.“
„Kannst du das nicht morgen …“
„Aber nein. Geh du nur schon rein. Dauert höchstens fünf Minuten.“
...
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Tote Brüder erben nicht - Kurzkrimi