
(Action-Thriller)
Ein Action-Thriller mit ein paar sehr, sehr bösen, dicken und blonden Frauen, die als echte Walküren reichlich Gift versprühen. Doch Klinger, Jensen und Beck setzen alles daran, die bösen Damen unter Kontrolle zu bringen, auch wenn sie sie durch die halbe Welt verfolgen müssen. Dieses Buch erschien als Erstausgabe beim Rowohlt-Verlag unter dem Titel "Killerviren" und dem Pseudonym Mike Jaeger.
Die Meute war heute ungewöhnlich unruhig. Es lag nicht an Victor. Auch nicht an seinem Vortragsthema. Victor wusste aus Erfahrung, dass in solchen Fällen nichts zu machen war. Die Studenten spielten nervös mit ihren Bleistiften, fortwährend knisterte irgendeiner mit Papier. Über dem ganzen Hörsaal lag eine unbestimmte Erwartungshaltung. Normalerweise traten derartige Phänomene erst kurz vor dem Semester-Ende auf. Victor betrachtete enttäuscht die abwesenden Gesichter der Zuhörer vor sich und setzte seine Vorlesung über „Apokalyptische Phänomene zur Jahrtausendwende“ fort. Seine Stimme wurde von Satz zu Satz ungewollt träger und monotoner. Auch er konnte sich der dumpfen Atmosphäre, die in diesem Hörsaal herrschte, nicht gänzlich entziehen.
Victor hatte es finanziell wirklich nicht nötig, an der Uni zu unterrichten und an Tagen wie diesen fragte er sich, warum er es trotzdem nicht lassen konnte. Er nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das auf seinem Pult stand. Niemand schien diese kurze Pause zu bemerken. Victor stieß ein kurzes, heiseres Husten aus und wollte sich noch einmal aufraffen und zusammenreißen. Schließlich war es seine Aufgabe, hier die Spannung zu erzeugen.
„Aus dem Jahre 992 a. d. wird in den Annales Augustani über einen Kampf von 3 Monden und 3 Sonnen über Germaniens Himmel berichtet. Ein gleißendes Licht, das aus dem Himmel im Norden zu kommen schien, erleuchtete die Nacht und …“ Victor brach ab und schaute von seinem Manuskript auf. Unter den Studenten war ein stark störendes Gemurmel entstanden. In der vorletzten Reihe war ein Student aufgestanden und schien gehen zu wollen. Victor kratzte sich genervt an seinen Bartstoppeln. Eine derartige Reaktion fand er übertrieben. So schlecht waren seine Vorträge nun wirklich nicht.
Der junge Mann in Jeans und einem Parker, der mal in den Siebzigern modern gewesen sein mochte, schien es sich nun doch noch einmal anders überlegt zu haben. Alle Blicke ruhten auf ihm. Mit unsicheren Schritten kam er die Stufen hinunter zum Lesepult. Das leichte Schwanken konnte bedeuten, dass er irgendwelche Drogen zu sich genommen hatte. Der Student hob den Finger, als ob er sich wie in der Schule, zu Wort melden wollte. Er ließ Victor nicht aus den Augen. Jeden Moment konnte er den Mund öffnen und einen fürchterlich unqualifizierten Kommentar von sich geben. Studenten taten das hin und wieder.
Vielleicht zehn Meter vor Victor verdrehte der junge Mann die Augen, knickte in den Kniekehlen ein und sank mit einem tiefen Seufzer zu Boden. Eine neue Form der Bekundung seines Desinteresses? Oder die Nachwirkung eines nächtlichen Drogenexzesses in einer der Techno-Diskotheken?
„Ruhe!“ rief Victor energisch, aber einige Studenten waren aufgesprungen und wollten sich nicht wieder beruhigen. Nur ein einziger von ihnen war auf den am Boden liegenden zugegangen und stand nun unschlüssig vor ihm. Wenigstens zeigte er die Absicht, seinem Kommilitonen helfen zu wollen. Victor legte gelassen das Skript weg. Nur keine Hektik, die steckte bestenfalls an. Victor sah nach dem gefallenen Studenten. Er berührte seine Schulter und drehte ihn vorsichtig herum. Kein Zweifel, der junge Mann hatte das Bewusstsein verloren.
„Einen Arzt, schnell!“ rief Victor und brachte den Studenten mit geübten Griffen in eine stabile Seitenlage. Der Mann amtete noch. Aber sein Atmen war sehr flach. Victor zog den Stuhl von seinem Pult heran und legte die Beine des Studenten hoch. Das sollte ihn eigentlich nach kurzer Zeit zurückbringen. Keine Reaktion. Seine Pupillen waren klein wie Stecknadelköpfe und seine Stirn war mit kaltem Schweiß überzogen. Plötzlich hustete der junge Mann heftig. Victor sprang zurück. Ein kleiner Nebel aus Spucke und Blut überzog den Ärmel seines beigen Anzugs von Armani. Das war nicht gut. Selbst wenn es von irgendwelchen Drogen kam, hatte es die Lunge erwischt. „Hat jemand einen Arzt geholt?“
Die Studenten waren beim Anblick des blutigen Hustens zum größten Teil zurückgewichen und keiner von ihnen antwortete. Aber von Ferne war bereits eine Sirene zu hören. Hilfe war also unterwegs.
Der Notarzt war nicht viel älter als Victors Studenten. Victor trat beiseite und ließ den Mann seine Arbeit verrichten.
„Total dehydriert!“ stellte der Arzt nüchtern fest und legte sofort eine Infusion mit Kochsalzlösung an. „Fieber hat er auch. Wahrscheinlich eine Infektion.“
„Außerdem hat er Blut gehustet!“ erklärte Victor Jacobi.
Der Arzt sah ihn skeptisch an. Dann öffnete er, mit einem Griff an Nase und Kinn, den Mund seine Patienten warf einen flüchtigen Blick in den Rachenraum. „Scheiße.“
„Was ist?“
„Überall Blut. Sieht verdammt nach einer offenen TB aus.“
Es war jetzt zu spät, sich das Sakko auszuziehen. Victor schaute auf den Arm, wo ihn die Blutspritzer getroffen hatten. Der junge Arzt nickte einem der Rettungssanitäter zu, der daraufhin den Hörsaal verließ. Die Studenten diskutierten anregt über die möglichen Folgen eine Tuberkuloseinfektion. An die Fortsetzung der Vorlesung war keinesfalls mehr zu denken. Folgerichtig packten einige Studenten ihre Sachen. Der zweite Rettungssanitäter ging zur Tür und schloss sie. Spätestens jetzt wurde den ersten Zuhörern klar, dass die Sache nicht mehr nur ihren am Boden liegenden Kommilitonen allein betraf.
„Setzen Sie sich doch bitte wieder“, forderte Victor die Leute auf. Eine weitere Sirene war draußen zu hören. Ein Polizeiwagen. Dann noch einer. Und noch einer.
Einige Studenten versuchten, den Sanitäter von der Tür wegzudrängen. Victor griff ein und stellte sich schützend neben den Mann.
„Sie müssen sich untersuchen lassen“, erklärte der Arzt. „Wenn da was ist, gibt’s ein paar Antibiotika und die Sache ist gegessen.“
Der Mann erntete nur Gelächter. An der Tür wurde aus dem Gerangel allmählich ein richtiger Kampf. Victor wurde hart geschubst. Aber nicht mit ihm. Da hatten sie sich gewaltig geschnitten. Victor hatte nun mehr seit acht Jahren Jiu-Jitsu trainiert. Den zweiten Versuch, ihn von der Tür zu vertreiben, beantwortete er mit einem sauber angewendeten Tenagashi Uke. Das ließ den Angriff überraschend ins Leere laufen. Der Nachteil einer solchen Aktion war, dass sich der Volkszorn dadurch nur vermehrte. Im Hintergrund kreischten einige Studentinnen hysterisch. Dann kamen die ersten Schläge. Der Sanitäter duckte sich unter den Hieben, wich aber nicht von seinem Platz. Es war einfach viel zu eng, um sich mit Hilfe einiger Nage Wazas den notwendigen Respekt zu verschaffen. Ohne diverse blaue Flecken ging es nun nicht mehr ab. Doch bevor sie die Tür der Übermacht freigeben mussten, kam ihnen die Polizei zu Hilfe. Eine halbe Hundertschaft, so schien es Victor. Doch wahrscheinlich waren es weit weniger.
„Also!“ rief der Arzt und versuchte noch einmal sich Gehör zu verschaffen. „Wir fahren jetzt alle ganz ruhig ins Krankenhaus und stellen fest, woran wir sind. Wenn ich mich geirrt habe, sind Sie alle in ein paar Stunden wieder zu Hause!“
„Und wenn nicht?“ rief jemand von hinten.
Der Arzt schwieg betreten. Das war sicherlich das erste Mal, dass er eine Zwangseinweisung in einer solchen Dimension vornehmen und verantworten musste. Victor trat an seine Seite und forderte die Studenten auf, die Sache mit Gelassenheit zu nehmen. Sie sollten den Anweisungen der Polizei Folge leisten und Ruhe bewahren. Als erstes wurde der immer noch ohnmächtige Student weggeschafft. Kurz darauf bildeten die Polizisten eine Art Korridor quer über den Campus, bis zum Parkplatz hinter dem Philosophenturm. Dort war ein Sonderfahrzeug der Feuerwehr bereitgestellt. Für die Studenten war das wie ein Spießrutenlauf. Victor schritt mit guten Beispiel voran und hinter ihm die verängstigte Horde seine Studenten.
Die Kommilitonen auf dem Campus starrten nur dumpf zu der Polizeikette herüber. Polizei auf dem Campus hätte eigentlich zu heftigen Reaktionen führen müssen. Dann rief doch noch jemand einige linke Kampfparolen und versuchte, sich ohne viel Ehrgeiz mit den Gesetzeshütern anzulegen. Natürlich war die Annahme, dass es sich hier um einen Verhaftungskessel aus politischen Gründen handelte, völlig falsch und abwegig. Aber Victor freute sich trotzdem, dass sich nicht alle Neointellektuellen gelangweilt kauend auf den Bänken herum lümmelten, und tatenlos mit ansahen, was sich dort vor ihren Augen abspielte.
Nachdem der Pulk den Feuerwehrbus betreten hatte, setzte bei der Menge jene Apathie ein, die man gewöhnlich nach schweren Massenunfällen beobachten konnte. Den meisten war es längst egal, was mit ihnen geschah und nur bei einzelnen regte sich noch ein Funken Widerstand, der sich in ihren Augen widerspiegelte. Was Victor eigentlich schockierte, war, dass die Menschen nicht aus Vernunft Folge leisteten, sondern, dass die Willenlosigkeit gegenüber der Staatsmacht diesen Fatalismus geboren hatte.
Das einzige Krankenhaus, das in der Lage war, derart viele Patienten auf einmal aufzunehmen, war das Hafenkrankenhaus. Genaugenommen ging das auch nur deshalb, weil die Klinik seit zwei Jahren leer stand, und dort nur eine Ambulanz für Notfälle besetzt war. Die Studenten wurden auf zwei Stationen desselben Korridors verteilt. Schwestern und Pfleger verteilten Bettzeug und entfernten die Plastikbezüge, mit denen die leer stehenden Betten vor dem Verrotten geschützt werden sollten. Eine umfangreiche medizinische Versorgung war hier natürlich nicht möglich. Dafür lag das Krankenhaus aber in der Nähe des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin. Auch von dort hatte man sich eilig zusätzliches Personal ausgeliehen.
Als sich nach zwei Stunden noch immer kein Arzt hatte blicken lassen, wurde Victor allmählich unruhig. Wie lange konnte es schon dauern, TB-Bakterien nachzuweisen? Victor stellte seinen Kaffeebecher ab und betrat den Gang. Die Polizisten, die die ganze Zeit über am Eingang Wache geschoben hatten, waren verschwunden. Hatte man womöglich vergessen ihnen zu sagen, dass der ganze Spuk vorüber war? In einer Bürokratie war alles möglich. Victor ging auf die Milchglastür zu, um zu sehen, was dahinter vor sich ging.
Er rüttelte daran. Abgeschlossen. Victor stutzte.
„Hallo!“ rief er laut, aber von draußen kam keine Antwort. Was sollte denn das nun wieder? „Hallo!“ rief Victor nochmals laut.
Auf dem Gang schauten einige verunsicherte Studenten aus den Zimmern, in denen sie einquartiert worden waren. Gerade wollte Victor mit der Faust gegen die Tür hämmern, als ein Schlüssel im Schloss gedreht wurde.
Ein Arzt mit OP-Haube und Mundschutz zwängte sich durch den offenen Türspalt. Gleich hinter ihm wurde die Tür wieder geschlossen.
„Was ist los?“ fragte Victor.
„Mein Name ist Prof. Fleischmann“, erklärte der Arzt. „Ich bin von nun an für diesen Fall zuständig.“
Victor wusste, wer Fleischmann war. Das war der Chef des Tropeninstitutes. Offensichtlich handelte es sich tatsächlich um eine offene TB.
„Es wird Sie sicher freuen, zu hören, dass Ihr Student keine TB hatte“, sagte Fleischmann. „Weniger erfreulich ist jedoch, dass einige Anzeichen dafür sprechen, dass wir es mit einem Fall von hämorrhagischem Fieber zu tun haben.“
Victors Zunge klebte eine Sekunde lang an seinem Gaumen fest. „Ebola?“ fragte Victor verunsichert und sah im Geiste, wie der Student ihn anhustete und die feuchte Wolke mit tausenden, putzmunterer Viren in sämtliche seiner Körperöffnungen eingedrungen waren.
„Muss nicht. Kann auch Lassa, Hanta oder Marburg sein. Oder vielleicht sogar ein ganz neuer Virus.“
Victor fluchte leise.
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Tanz der WalkürenAction-ThrillerEin Action-Thriller mit ein paar sehr, sehr bösen, dicken und blonden Frauen, die als echte Walküren reichlich Gift versprühen. Doch Klinger, Jensen und Beck setzen alles daran, die bösen Damen unter Kontrolle zu bringen, auch wenn sie sie durch die halbe Welt verfolgen müssen. Dieses Buch erschien als Erstausgabe beim Rowohlt-Verlag unter dem Titel "Killerviren" und dem Pseudonym Mike Jaeger.
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