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Reinhardts Versuchung - eine Frage der Grippe

(Impressum)

 

Eine Grippe geht um die Welt

 

Reinhardts Versuchung

(Science fiction)

 

Diesen Beitrag als Podcast hörenWem Pearl Harbor zu langweilig war, der legt sich mit dem letzten wirklichen Gegner der Menschheit an: Der Grippe. Männer, die einen allzu großen Forschungsdrang in ihren Lenden verspüren, sollte man als verantwortungsbewußte Ehefrau lieber nicht allein zu Hause lassen.

 

Es war ein haarfeiner, nicht eben glatter Schnitt in der Haut. Schmerzhaft. Reinhardt verzog das Gesicht. Beim Umblättern einer Seite hatte er nicht Acht gegeben und war mit der Fingerkuppe gedankenverloren an der Kante des Papiers entlanggefahren. Verblüfft schaute er auf die kleine blutige Spur an seinem Zeigefinger und den Tropfen, der auf die Seite gefallen war. Das Papier sog sich ohne besondere Eile voll. Sein Blut schien der hölzernen Struktur Leben einzuhauchen. Reinhardt war zu sehr fasziniert von Vorgang, als dass er den Schmerz empfand. Nur gut, dass Marlies derzeit auf Hawaii war. Genaugenommen natürlich auf Ohahu.

Denn ein Hawaiibesuch schrie geradezu nach einer Besichtigung des Freilichtmuseums von Pearl Harbor. Dort gab es täglich um 6.55 Uhr eine gigantische Holo-Show über die Geschehnisse des 7. Dezembers 41. Der Höhepunkt der Show war die dramatische Versenkung der amerikanischen Pazifikflotte. Gegen eine geringe Gebühr konnte man sogar selbst an einer Flak Platz nehmen und auf die holographischen japanischen Angreifer feuern. Immer in der Hoffnung, so das unvermeidliche Schicksal der USS Arizona doch noch irgendwie abzuwenden. Sicherlich würde Marlies unaufhörlich kichernd, ihre Flugabwehrkanone im sinnlosen Trommelfeuer betreiben, egal ob sich gerade etwas in ihrem Fadenkreuz befand oder nicht.

Wenn sie in diesem Moment jedoch das Blut an seinem Finger gesehen hätte, wäre sie womöglich in Ohnmacht gefallen. Sie hätte ihn bestimmt wieder einen Neandertaler genannt und verlangt, dass er unverzüglich zu einem Korrektor ginge. Sie sagte ihm oft und gerne, dass er ein echter Steinzeitmensch wäre. Schon deshalb, weil er diese widerlichen Bücher las. Eigentlich sagte sie meist Schmuddel-Blätter dazu. Weniger wegen des Inhaltes, der sich sicherlich ihrem Verständnishorizont weitestgehend entzog, als vielmehr wegen ihres Aussehens. Das Wort Bücher kam ihr nur ungern über die Lippen. Bücher waren in ihren Augen etwas Anstößiges. Etwas, das man allenfalls als Relikt vergangener Zeiten in einer Glasvitrine ausstellte. Vielleicht als eine Art Accessoire der Bildungselite. So gesehen hätte es wenig Sinn gehabt, ihr zu erklären, dass Steinzeitmenschen noch gar keine Bücher hatten. Bestenfalls hätte er mal wieder als Pedant oder ewig nörgelnder Besserwisser dagestanden. Für Marlies war alles Steinzeit, was vor der Genetischen Revolution lag. Oft galt aber auch als steinzeitlich, was einfach nur aus der Mode gekommen war. Folglich hatte Marlies wenig Verständnis für Reinhardts Vorliebe für Bücher. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum sie überall in der Wohnung auf diese unnützen Staubfänger stoßen musste.

Im Prinzip hatte sie ja Recht. Bücher kosteten ein Heidengeld und Rohstoffverschwendung war sie obendrein. Wo Reinhardt doch jedes Buch, wie alle anderen Menschen auch, aus dem Netz auf seinen Topeg-Screen hätte laden und lesen können. Aber für ihn war das einfach nicht dasselbe.

Reinhardt schlug das Buch zu und strich über den geprägten Leineneinband. Man fühlte das Gewicht der Worte nicht, wenn man nur eine elektronische, spiegelfreie Folie in der Hand hielt. Das war nur ein und dasselbe Blatt mit immer neuem Inhalt. Man hielt nie das ganze Wissen auf einmal in den Händen. Marlies hatte laut aufgelacht, als er irgendwann versucht hatte ihr das zu erklären. Sie fand diesen Bücherfetischismus vor allem deshalb albern, weil man die Bücher auch noch selber lesen musste.

Topeg las einem den Text wenigstens vor. Dabei konnte man entspannen. Topeg hatte eine sanfte, fast einschläfernde Stimme. So kam es auch, dass Marlies höchsten mal drei Seiten eines Romans pro Tag las. Passiv, wie sich wohl von selbst verstand. Dann war sie meistens eingeschlafen. Was sie so lesen nannte, bezeichnete Reinhardt bestenfalls als chemiefreie Schlafdroge. Selber lesen war da schon etwas ganz anderes. Gut, es strengte deutlich mehr an, aber dafür es ließ einen auch nicht so schnell wieder los. An Schlafen war dabei nun gar nicht zu denken. Reinhardt hatte schon ganze Nächte durchgelesen. Es war ein Glück, dass er Wissenschaftler war, denn die Ausnahmegenehmigungen für neue Hardwarebücher waren rar.

Das Blut an Reinhardts Finger hatte aufgehört zu fließen. Es überzog sich mit einer zähen, antrocknenden Haut. Reinhard drückte auf den Tropfen und sah seinen Fingerabdruck, der in der dickflüssigen, roten Masse seine Rillen hinterließ.

Dieses Blut war es, was ihn von einem Neandertaler und jedem anderen Menschen der vor der Genetischen Revolution lebte unterschied. Blut war das effektivste Medikament dieser Zeit. Genaugenommen gab es kaum andere Medikamente. Alles andere waren Reinhardts Meinung nach eher Drogen. Eigentlich auch so ein Begriff aus der Steinzeit. Blut aber, das war die Substanz, die das Leben der Menschheit mit einem Schlag verändert hatte. Die wenigsten Menschen wussten heute überhaupt noch, wie das Leben vor der Genetischen Revolution war. Die meisten wussten nicht einmal mehr, wie es zur Genetischen Revolution gekommen war, und worin diese überhaupt bestand. Nur, dass seit dem alles besser war, das wusste jedes Kind.

...

 

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