Hausmeister des Schreckens

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Hausmeister des Schreckens„Herr Schindler, gut dass ich Sie treffe!“ rief Frau Bormann, als sie den Hausmeister im Schlafanzug und Filzpantoffeln durch den Flur Richtung Keller schlurfen sah. „Es geht noch mal um das Fenster, Sie wissen doch noch …?“

Schindler sah sich mit müdem Gesicht um. Ja, er wusste es noch. Aber was zum Teufel ging ihn das Fenster dieser dusseligen Ziege an.

„Der Hauswirt hat mir versichert, dass Sie …“, fuhr Frau Bormann eine Nuance lauter fort, als es so aussah, als ob Schindler in seinen Bastelkeller verschwinden wollte.

„Der Hauswirt?! Ich habe Ihnen doch gesagt, ich kümmere mich darum“, grunzte Schindler genervt zurück. Es war kurz vor elf, und das war nun wirklich nicht die Zeit, ihm mit der Hausverwaltung zu kommen.

„Aber wann, Herr Schindler? Wann? Sie halten mich jetzt schon seit zwei Monaten hin.“ Frau Bormann hatte nicht die Absicht, sich heute mit leeren Versprechungen abfertigen zu lassen.

„Und meine Klospülung!“ rief Frau Henningstett aus dem dritten Stock links, die durch das Gespräch im Treppenhaus aus ihrer Wohnung gelockt worden war. „Sie haben mir schon vor einem halben Jahr versprochen, sich darum zu kümmern.“

„Alles zu seiner Zeit“, sagte Schindler und schaute kurz hoch. Frau Henningstett hielt sich für eine Dame. Was Besseres, ohne Frage. Schindler hasste diese arrogante Person. Den Wasserhahn hatte er ihr repariert und zum Dank hatte sie überall herumerzählt, dass er eine Überschwemmung verursacht und ihre kostbare Perserbrücke ruiniert hatte. Unfähig, hatte sie gesagt! Er wäre unfähig! Sollte sie doch sehen, ob sie es selbst besser konnte.

„Also wirklich, Herr Schindler. So geht das nicht, es muss endlich was passieren. Das Haus ist ja inzwischen in einem Zustand …“

Bevor Frau Bormann ihn weiter nerven konnte, sagte er: „In Ordnung, ich hol’ nur eben das Werkzeug.“

Schindler schlüpfte durch die offene Kellertür und schloss sie hinter sich. Unten in seiner Werkstatt hatte er seine Ruh. Er drehte den Schlüssel zweimal um und nahm sich ein kühles Bier aus dem Eisschrank unter der Werkbank. Hier war seine letzte Zuflucht, auch vor der eigenen Frau, die er schon seit längerem im Verdacht hatte, mit den anderen Bewohnern des Hauses gemeinsame Sache zu machen. Diese ganze Bagage konnte ihn mal.

„Da passiert doch wieder nichts!“ rief Frau Bormann zu der Heningstett hoch, als Schindler verschwunden war.

„Hah, haben sie etwa geglaubt der holt sein Werkzeug?“ empörte sich Frau Henningstett. „Da können Sie ewig warten! Wir werden hier noch alle umkommen, in diesem Haus. Das Dach wird eines Tages über unseren Köpfen zusammenbrechen.“

„Na, jetzt übertreiben Sie aber, meine Liebe“, mischte sich Dr. Lowobetz ein, der an den Frauen vorbei zur Arbeit wollte.

„Trotzdem – die defekte Stromleitung hier im Hausflur kann tatsächlich lebensgefährlich werden. Ich überlege mir immer dreimal, ob ich es abends wage, den Lichtschalter zu drücken oder lieber einen Beinbruch in der Dunkelheit riskiere.“

„Da haben Sie völlig recht, Herr Dr. und übrigens: Dieser Mann ist eine Bedrohung für uns alle. Da sollten wir endlich mal was unternehmen.“

Natürlich hatte Schindler sich um Nichts gekümmert. Die ganzen nächsten zwei Wochen nicht. Er dachte überhaupt nicht daran, für dieses unverschämte Pack irgendetwas zu tun. Und eines Abends, als Schindler wieder mal in seinen Keller flüchtete, um sich noch ein bis zwei Stunden Ruhe von seiner Frau zu gönnen, stellte er fest, dass der Lichtschalter in seinem geliebten Werkraum nicht funktionierte.

Oder war es nur die Birne? Im Dunklen tappte er vor bis zu der Stelle, wo er die Birne vermutete. Seine Hand fischte in Kopfhöhe hin und her und erwischte schließlich die Fassung. Es war keine Birne da! Mit der Hand griff er in die nackte Fassung und bekam einen elektrischen Schlag, den er sein Leben lang nicht vergessen würde.

Unkontrolliert taumelte er zurück in die Dunkelheit. Sein Fall endete abrupt, als sich ein herumstehendes Brecheisen tief in seinen Rücken bohrte. Unfähig sich zu rühren, lag er auf dem kalten Kellerboden. Ihm war sofort klar, dass es sich hierbei um eine Verschwörung der anderen Mieter handelte. Sie hatten ihm aus Rache eine Falle gestellt und die Birne entfernt und das Brecheisen sorgfältig positioniert, so dass er da hineinstürzen musste. Was hatte Lowobetz gesagt. Lieber stürzen oder einen Schlag riskieren? Jetzt glaubte Schindler sogar, irgendwo in der Finsternis ihre Stimmen zu hören. Wie sie wisperten, tuschelten und über ihn lachten. Frau Bormann, Frau Henningstett, Dr. Lobowetz, diese zickige, kleine Studentin aus der Dachwohnung und all die anderen ewig quengelnden Mieter. Wahrscheinlich war auch seine Frau mit von der Partie, sie hatte ja immer schon zu den anderen gehalten.

Aber das Lachen würde dieser Bande noch vergehen, dafür würde er sorgen. Mit dem Arm, den er noch bewegen konnte, suchte er unter starken Schmerzen hinter sich nach dem Ventil der Gasflasche seines Schweißgerätes. Während das Gas langsam ausströmte, zählte er im Geiste bis fünfzig. Dann fand er, es sei genug, fischte mit zittrigen Fingern eine Zigarette aus seiner Manteltasche und zündete sich seinen letzten Sargnagel an.

„Ich habe es ja immer gesagt: Eines Tages wird uns das Dach über dem Kopf zusammenbrechen“, zeterte Frau Henningstett auf der Trage, als die einzige Überlebende nach zwei Stunden aus den Trümmern des Hauses, die die Explosion hinterlassen hatte, geborgen werden konnte. „Ich habe es immer gesagt: Der bringt uns noch alle um!“


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