Kapitel 23

Der Freibrief

Das Wetter im April war nicht ganz so gut. Vor allem konnte man sich nicht darauf verlassen. Mal regnete es, mal nicht. Mal war es kalt und mal glaubte man der Frühling wäre ausgebrochen. Aber so war es nicht. Frau Bruckner hängte dementsprechend seltener ihre Wäsche draußen auf. Der Freibrief, den sie Martin ausgestellt hatte, reute sie wohl schon am ersten Tag danach. Offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet ihn sobald wieder zu sehen. Als spät Nachmittags in der Waschküche auftauchte hatte sie nur mit dem Kopf geschüttelt. Aber sie versuchte nicht ihm sein Vorhaben auszureden. Anscheinend hatte er heute auch einen günstigeren Zeitpunkt erwischt. Sie ließ sich ihm etwas mehr Zeit. Was sich aber nicht änderte, war ihre Einstellung zu der Sache. Martin hatte das Gefühl, dass sie das alles nur mit sich geschehen ließ. Unbeteiligt ließ sie ihn machen, wozu er gerade Lust verspürte und anschließend zupfte sie kurz ihre Kleidung zurecht und die Sache war erledigt. Sie bewegte sich niemals und zeigte einfach keinerlei Reaktion.

Martin fand das ungewöhnlich, aber eigentlich auch in Ordnung. Es war allemal angenehmer, als diese ewige Rubbelei mit der Hand. In den folgenden Tagen verbrachte Martin die meiste Zeit zwischen dem Training und den Hausaufgaben mit Frau Bruckner in der Waschküche. Manchmal besuchte er sie auch anstelle des Trainings. Das schonte seine Ellenbogengelenke, die durch das Bankdrücken mit den schweren Gewichten in letzter Zeit etwas in Mitleidenschaft gezogen worden waren.

Frau Bruckner hatte sich schnell damit abgefunden, dass Martin es naturgemäß übertrieb und beinahe jeden Spätnachmittag in ihrer Waschküche auftauchte. Doch nach drei Wochen wies sie ihn zurecht. Schließlich sei sie keine Maschine und könne ihm hier nicht jeden Tag willig zur Verfügung stehen. Martin witterte Gefahr. Er fürchtete, sie könne seinen Freibrief wieder einziehen. Und er ärgerte sich darüber, sich nicht besser unter Kontrolle gehabt zu haben. Aber das tat sie nicht. Sie schickte ihn an diesem Tag zwar weg, sie sagte ihm, er solle morgen wiederkommen. Am darauffolgenden Tag jedoch war wieder alles beim alten. Doch am übernächsten Tag begann das Theater von Neuem. Sie schickte ihn wieder weg. Martin war völlig genervt. Mal ja mal nein. Damit konnte Martin nichts anfangen. Damit wurde das Leben wieder unnötig kompliziert. Und das schöne Frau Bruckner war ja bislang gewesen, dass eigentlich alles so einfach gewesen war. Aber nun ging es hin und her. Doch bald hatte Martin begriffen, worauf das hinauslief. Er tauchte nur noch jeden zweiten Tag in ihrer Waschküche auf. So schien sie sich das vorgestellt zu haben und dabei blieb es, dann auch bis Mitte Mai.

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