Kapitel 35

Entlastung

Der Montag brachte eine schlechte und zwei gute Nachrichten. Die schlechte war, dass Martins Tante nicht im Traum daran dachte, irgendeine Verantwortung für ihren Neffen zu übernehmen. Die guten Nachrichten hatten es dann jedoch in sich. Bruhns hatte versucht Martins Alibi zu durchlöchern. Haider hatte nach einem Zeugen gesucht, der Martin mit seiner Mutter hatte wegfahren gesehen. Dabei war er unweigerlich auf Frau Bruckner gestoßen. Ja, sie hatte ihn gesehen. Aber nachdem seine Mutter weggefahren war. Eine Stunde später vielleicht. Martin war hinten im Garten und hatte einen Teil Wäsche abgenommen, genau wie sie. Ja, sie erinnerte sich noch genau, weil sie der Meinung gewesen war, dass die Bönnings dieses Wochenende verreisen wollten. Frau Bönning hatte es ihr erzählt. Deshalb sei sie ja auch so erstaunt gewesen, dass sie Martin dann auch noch am späten Nachmittag in der Küche gesehen hatte. Ja, da war sie ebenfalls ganz sicher. Das Küchenfenster lag ja genau gegenüber von ihrem. Und sie konnte auch Frau Bönning oft in der Küche sehen, wenn sie kochte. Und außerdem war das Haus ja auch den ganzen Abend über hell erleuchtete gewesen.

Diese Antworten trieben Bruhns zur Verzweiflung, er verfluchte Haider und seinen Eifer. Aber daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Er selbst hatte Martin ein Alibi verschafft. Sonst hatte er niemanden im ganzen Viertel gefunden, der Martin außerhalb der eigenen vier Wände gesehen hatte. Das waren Tatsachen. Und Bruhns hielt ein Vakuum in seinen Händen, das sich aber gleich Montag morgen auf wundersame Weise füllte.

Der Gerichtsmediziner hatte während des Wochenendes, teils aus Langeweile, teils aus Eingebung, das Blut von Herrn Wortmann getestet. Und das war die zweite gute Nachricht. Zur allgemeinen Verblüffung war der Test positiv. Mit 99% Wahrscheinlichkeit hatte der alte Wortmann seine Tochter geschwängert. Bruhns stürzte sich auf dieses Puzzleteil wie ein Verdurstender. So passte endlich alles zusammen. Martin war vom Hauptverdächtigen innerhalb weniger Stunden in die Opferrolle gerutscht. Bruhns erklärte ihm die neue Sachlage mit allem Respekt und aller Rücksicht, die ihm möglich war. Seiner Meinung nach war also folgendes geschehen:

Nadine konnte es nicht ertragen, dass ihr Vater sie geschwängert hatte und jetzt eine andere Frau heiraten wollte. Sie lauerte den beiden auf und erschoss sie, dann richtete sie den Lauf gegen sich selbst. So und nicht anders musste es gewesen sein. Tatsächlich war Bruhns der Wahrheit damit sehr nahe gekommen, nur Martins Rolle hatte er nicht durchschaut. Jetzt schien Bruhns auch der Streit am Vorabend erklärlich. Nadine wollte Martin absichtlich von der Jagdhütte fern halten, wahrscheinlich um ihn zu schützen. Sicherlich, weil sie ihn liebte. Bruhns betonte, wie viel Glück Martin gehabt hatte, auf sein Gefühl zu hören und die Jagdhütte an diesem Tag zu meiden.

Dem endgültigen Abschluss des Falles stand nun nichts mehr im Wege. Martin verließ das Präsidium mit doppelter Erleichterung. Zum einen war er wieder ein freier Mensch. Zum anderen hatten sich gleiche mehrere seiner Probleme auf einmal gelöst. Er wußte nun, warum Nadine mit ihm ins Bett gegangen war, warum sie ihn heiraten wollte, warum sie seit besagter Nacht nur noch herum zickte und warum sie auf seine Mutter geschossen hatte. Bruhns irrte auch, als er glaubte sie hätte ihn geliebt. Martin war vielleicht blind gewesen, was sie und ihren Vater anging. Aber er hatte sich nichts vorzuwerfen. Es war gut gewesen, sie zu töten. Dadurch und dadurch, dass er nun alles verstand, konnte er sie endgültig vergessen. Die Geschichte war ein- für allemal erledigt.

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