Salino & die Furien

Kapitel 4

Salino fühlte sich toll. Er streckte Arme und Beine aus. Endlich mal wieder ausgeschlafen in einem sauberen Bett aufzuwachen! Das hatte er früher kaum zu würdigen gewusst. Das Leben konnte umwerfend sein. Er sprang förmlich aus den erhitzten Laken und riss das Fenster auf. Die Luft strömte erfrischend kühl herein. Er spürte geradezu, wie sie ins Zimmer floss und seine Beine umspülte. So, genau so, sollte es jeden verdammten Tag sein.

Fröhlich zog Salino sich ein T-Shirt über und ging hinüber ins Bad. So ein sauberes und großes Badezimmer hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Rechts eine Wanne und eine Dusche. Links Toilette, BD, und vorne zwischen den Fenstern zwei Waschbecken. Salino dachte nicht lange über die beiden Türen nach, die rechts und links waren. Er verschloss die Tür zum Flur und schwang sich unter die Dusche.

Das Wasser war perfekt regulierbar. Die Duschkabine hatte keine Tür, sondern war nur durch zwei Trennwände vom restlichen Bad abgesondert. So, wie man es aus Schwimmbädern kannte. Es gab auch zwei Brauseköpfe an der Wand. Hier konnte man bequem zu zweit drunter duschen. Salino griff nach einem Handtuch und trocknete sich noch in der Dusche ab. Er wollte nicht den ganzen Boden nass machen, schließlich war er nur Gast hier.

Während er sich abtrocknete, nahm er plötzlich ein surrendes Geräusch wahr. Er dachte sich erst nichts dabei und verließ die Kabine.

Vor dem Spiegel über dem Waschbecken stand Frau Weppert und putzte sich mit einer elektrischen Zahnbürste die Zähne. Sie trug geradezu mittelalterliche Unterwäsche. Weiß, steif und unpraktisch, so wie in den Sechzigern, die offensichtlich ihre leicht übersättigte Figur mit Mühe zusammenhielt.

Mit großen Augen schaute sie Salino im Spiegel an. Er stand wie angewurzelt da. Dann fiel ihm ein, dass er absolut nackt war. Schnell schlug er das Handtuch um und murmelte: „Entschuldigung.“

Aber warum eigentlich? Er war doch zuerst im Bad gewesen.

„As s mmeen ba!“ nuschelte Frau Weppert. Dann spukte sie die Zahncreme aus und wiederholte es in Klartext. „Das hier ist mein Bad!“

„Was?“

„Dein Bad ist auf der anderen Seite. Vierte Tür links, ganz hinten!“ erklärte sie leicht genervt

„Entschuldigung!“

Salino hatte nicht einen Gedanken daran verschwendet, dass es in diesem Haus mehrere Badezimmer geben könnte.

„Alles auf dieser Seite gehört zu meinem Bereich“, erklärte Frau Weppert. „Alles auf der anderen Seite des Flures ist für Gäste!“

Salino fiel es wie Schuppen von den Augen. Natürlich, deshalb die beiden Türen, das waren die Schlafzimmer von Frau und Herrn Weppert.

Salino säuselte nochmals: „Entschuldigung!“ Dann griff er nach seinem T-Shirt und wollte die Tür öffnen. Die hatte er vorsorglich verschlossen. Fast wäre ihm das Handtuch runter gerutscht, bei dem Versuch den Schlüssel umzudrehen. Frau Weppert war nicht wirklich böse, sie lachte vielmehr, als Salino diskret die Tür hinter sich schloss.

Hoffentlich erzählte sie Tante Franziska nichts von seinem Faux Pas. Die hatte für so was sicherlich kein Verständnis.

*

Franziska war auch heute nicht besonders gut gelaunt. Sie stellte Salino wortlos einen Becher Kaffee auf den Tisch in der Küche und schob ihm einen Korb mit zwei Brötchen, etwas Butter und Marmelade hin.

„Du musst aus deinem Zimmer raus“, stellte Franziska nörgelnd fest. „Wir brauchen das für die Gäste.“

Das war Salino gar nicht recht. Er mochte dieses Zimmer. Es war ihm bereits nach drei Stunden ans Herz gewachsen. Wo sollte er denn hin?

„Unter dem Dach ist noch ein kleines Zimmer. Aber das muss erst mal entrümpelt werden. Das kannst du ja heute Vormittag tun!“

„Unter dem Dach?“ fragte Salino enttäuscht.

„Ja, das ist da oben, wo ich wohne. Ach, und benutz die Treppe hier in der Küche.“

Franziska öffnete eine Tür in der Küche, die Salino für eine Speisekammer gehalten hatte. Aber in Wirklichkeit verbarg sich dahinter eine kleine, viel zu eng gewundene Wendeltreppe.

„Ich will nicht, dass du ewig durch die privaten Räume von Frau Weppert läufst, schon gar nicht, wenn Gäste im Haus sind.“

An der Tür, die zum Garten führte tauchte plötzlich Frau Winter auf und winkte durch das Glas. Franziska öffnete ihr.

„Ist Frau Weppert schon zu sprechen?“

Heute trug Moni einen knielangen, schwarzen Lackrock und eine wallend weite, rosa Rüschenbluse. Und natürlich wieder diese unglaublichen Schnürstiefel. Wahrscheinlich ließ sie die einfach immer an, um sich das ewige Schnüren zu sparen.

„Ich erwarte sie jeden Moment zum Frühstück im Salon. Soll ich ein Gedeck mehr auflegen.“

„Gerne, wenn es Ihnen nichts ausmacht?“

Moni ging freundlich nickend an Salino vorbei.

„Na, schon ausgeschlafen?“

Es war Salino unangenehm, dass er gestern einfach eingeschlafen war.

„Topfit“, sagte er gutgelaunt.

Franziska begleitete Moni zum Esstisch im Salon. Warum durfte die Sekretärin an dem schönen Tisch essen und er nicht? Außerdem gab es keinen Grund für Franziska, zu ihr netter zu sein als zu ihrem eigenen Neffen. Na vielleicht verschaffte Frau Weppert ihm ja einen Job, dann wäre er endlich nicht mehr der Ausgestoßene, als der er sich im Moment fühlte.

*

Marianne war angenehm überrascht, Frau Winter so schnell wieder zu treffen. Von ihren einstigen Vorurteilen gegenüber der Sekretärin ihres Mannes war nicht viel übrig geblieben.

„Ich bin die ganze Liste durchgegangen und habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was man aus diesem ganzen Kram wohl herstellen könnte“, erklärte Moni und legte die untere Hälfte des Brötchens wieder in den Korb zurück. Offensichtlich hatte sie vor, nicht mehr als ein halbes Brötchen mit Butter und ein Ei zu sich zu nehmen.

„Und?“ fragte Marianne nahm sich eine angemessene Portion frisch gebratenen Bacon zu ihrem Ei.

„Tja, ich habe da nur eine wirklich sinnvolle Möglichkeit gefunden.“

Was spannte die Frau sie so auf die Folter? Marianne sah sie auffordernd an.

„Es muss sich dabei um eine Art Waffe handeln.“

„Was? Wie kommen Sie darauf?“

„Nun Bodoco stellt eigentlich Geschmacksstoffe und Farbstoffe her. Aber die Chemikalien, die in der Liste aufgeführt sind, werden eigentlich nicht zur Herstellung von Farbstoffen verwendet. Mangan zum Beispiel wird als Dünger eingesetzt und QL ist ein alkyliertes Salz. Beides Stoffe, die an sich nicht besonders toxisch sind. Aber zusammengemischt ergeben sie ein gasförmige Substanz mit dem Namen VX.“

„Ist das nicht ein Nervengas?“

„Eines der tödlichsten. Es dringt über die Haut in den Körper ein und hemmt die Freisetzung der Neurotransmitter. Das führt zu einem hässlichen und nervtötenden Ende der kontaminierten Person.“

„Und an so was soll mein Mann mitgearbeitet haben?“ fragte Marianne verunsichert. Das wollte ihr eigentlich nicht in den Kopf.

„Das glaube ich nicht“, behauptete Monika. „Wenn dem so wäre, hätte ich bestimmt davon gewusst.“

Das schien Marianne einleuchtend. Wenn Monika kein Problem damit hatte, nachts irgendwo einzubrechen und Computerfestplatten zu stehlen, hätte sie ihren Chef wohl auch in einer solchen Angelegenheit gedeckt. Also hätte Walther ihr mit Sicherheit davon erzählt.

„Aber was hatte er dann damit zu tun?“

„Gar nichts, glaube ich. Wahrscheinlich war er nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Anscheinend sind in unserer Firma ja auch die Steuerkomponenten für diese Waffe gebaut worden. Aber ich bin sicher, dass Herr Weppert davon nichts wusste. Dieser Chip ist übrigens ein hochkomplexes kleines Kerlchen. Solche Bausteine werden gewöhnlich in GPS Empfängern verwendet. Und das kleine Stückchen Plastik kann weit mehr, als über Satellit seine genaue Position zu bestimmen.“

„Woher wissen Sie das eigentlich alles?“ wundert sich Marianne.

„Oh, das war nur einfache Recherche. Ich wollte früher unbedingt Journalistin werden, aber da kam mir meine Sportkarriere in die Quere. Und als die dann vorüber war, war ich zu lange heraus aus dem Job.“

„Was für eine Sportkarriere“, fragte Marianne neugierig.

„Kickboxen. Ich war zweifache Weltmeisterin.“

Marianne warf einen unkontrollierten Blick auf Monikas Nase.

„Entschuldigung“, sagte sie schnell, als Monika ihren Blick bemerkte.

„Das ist schon in Ordnung“, winkte Monika lachend ab. „Als sie zum vierten Mal gebrochen ist, habe ich sie nicht mehr richten lassen. Ich dachte, ich warte bis zum Ende meiner Karriere, um mir unnötige Kosten und Schmerzen zu sparen. Aber da hatte ich mich dann schon an meine Nase gewöhnt.“

„Die Herren von der Polizei möchten Sie nochmals sprechen“, fuhr Franziska dazwischen. Sie war unbemerkt in den Salon gekommen.

Marianne nickte und Franziska hielt Kommissar Bruhns und seinem Kollegen Haider die Tür auf.

„Frau Weppert …!“

„Möchten Sie etwas frühstücken? Setzen Sie sich!“ unterbrach Frau Weppert den Beamten und brachte ihn damit sofort aus dem Konzept.

Bruhns und Haider setzten sich und Franziska holte ihnen ein Gedeck aus der Küche.

„Frau Weppert! Ich habe seit gestern versucht Ihren Prokuristen …“

„Webermann“, half Haider seinem Chef aus.

„Ja, genau Webermann. Ich versuche ihn seit gestern zu erreichen.“

Bruhns schien etwas aufgeregt zu sein.

„Ich würde gern selbst ein paar Worte mit ihm reden“, sagte Marianne. „Aber ich habe leider keine Ahnung, wo er steckt.“

„Ja, das wollte ich eigentlich von Ihnen essen, äh wissen? Danke.“ Bruhns schob den Teller, den Franziska ihm hingestellt hatte, ein wenig beiseite. Stattdessen legte er eine kleine Pillendose auf den Tisch. „Ich war also heute Morgen in seiner Wohnung.“

„Ach? Und war er da?“

„Leider nicht. Wir haben uns Zutritt verschafft, aber er war nicht da.“

Haider griff unterdessen frech nach dem restlichen Bacon. Bruhns schien schon beim Anblick des fetten Bacons Sodbrennen zu bekommen und warf mechanisch eine Maaloxan ein.

„Aber jemand anderes war dort. Herr Engelbrecht nämlich! Sagt Ihnen der Name vielleicht etwas?“

Marianne dachte ernsthaft nach. Aber nein, der Name sagte ihr absolut nichts.

„Herr Engelbrecht war Chemiker. Angestellt bei Bodoco. Die Firma, in der vorgestern Nacht der Brandanschlag verübt wurde.“

„Ach“, staunte Marianne. „Was tut ein Chemiker von Bodoco in der Wohnung meines Prokuristen?“

„Er liegt tot auf dem Boden und wartet auf den Leichenbeschauer“, grunzte Haider vorwitzig und biss krachend in den Speck.

Bruhns warf Haider einen routiniert genervten Blick zu.

„Das, wollte ich eigentlich von Ihnen wissen.“

Marianne schüttelte den Kopf.

„Also, wie mein Kollege Haider bereits so unpassend bemerkte, Herr Engelbrecht ist tot. Genau genommen wurde er übel zugerichtet und dann erdrosselt. Die ganze Wohnung sah aus wie ein Schlachtfeld.“

„Sagen Sie mal, haben Sie kürzlich an einem Kampf teilgenommen?“ fragte Haider einer plötzlichen Intuition folgend Frau Winter.

„Nein“, antwortete Monika verärgert. „Aber wenn ich das Training wieder aufnehme, sage ich Ihnen Bescheid. Ich könnte Sie mir sehr gut als Sparringspartner vorstellen.“

Haider konnte mit dieser Auskunft wohl nicht viel anfangen.

„Was reden Sie da wieder für einen Unsinn, Haider?“ fragte Bruhns ihn konsterniert.

„Die Nase Chef!“ flüsterte Haider viel zu laut. „Haben Sie die Nase denn nicht gesehen?“

„Ja und?“

„Wir haben doch eine Leiche, die deutliche Spuren eines Kampfes zeigt.“

Bruhns sah Haider entgeistert an. Dann sah er zu Monika hinüber, die gerade vor Wut rot anzulaufen drohte. Bruhns nahm eine weitere Maaloxan und steckte die Packung energisch wieder in die Jackentasche. Offensichtlich hatte er sich mit diesen Tabletten inzwischen ein Limit gesetzt.

„Entschuldigen Sie die Störung, Frau Weppert“, sagte Bruhns und stand auf. „Es waren in den letzten Tagen einfach ein paar Leichen zu viel für meinen jungen Kollegen hier.“

Haider hatte noch einen Streifen Speck auf seinem Teller und schien nicht im Traum daran zu denken, diesen zurück zu lassen.

„Haider, stehen Sie sofort auf! Wir gehen.“ Einen Moment sah es so aus, als ob Bruhns ihn am liebstem am Ohr aus dem Zimmer geschleift hätte. Aber Haider stand widerwillig von selbst auf. Er ging zwei Schritte. Dann sah er voller Sehnsucht zurück zu dem Stück Speck. Ein rascher Griff und er hatte den krossen Streifen in der Hand. Beinahe triumphierend hielt er ihn hoch. Bruhns platzte fast vor Wut. In diesem Moment brach der Speck in Haiders Hand und fiel zerbröselt zu Boden. Haider schaute verdutzt auf die Krümel zu seinen Füßen.

„Haider!“ Bruhns schrie jetzt fast.

Haider riss sich von dem am Boden liegenden Speck los, entschuldigte sich murmelnd und ließ sich unsanft von Bruhns aus dem Zimmer schieben.

Moni und Marianne schauten sich verblüfft an. Dann konnten sich nicht mehr halten vor Lachen.

In Columbo-Manier tauchte Bruhns allein nochmals im Türrahmen auf. „Eins noch! Von einem Einbruch bei Bodoco wissen Sie sicher auch nichts?“

Wie auf Kommando schüttelten beiden Frauen den Kopf.

„Hatte ich erwähnt, dass der Besitzer von Bodoco, Herr von Boeder als vermisst gemeldet wurde?“

Wieder schüttelten beide Frauen den Kopf.

„Habe mir schon gedacht, dass Sie mir da nicht weiterhelfen können. Aber ich sage Ihnen, das alles hängt irgendwie an einem Faden. An einem einzigen Faden, davon bin ich überzeugt!“ Bruhns entschuldigte sich nochmals für die Störung und verabschiedete sich endgültig.

„Da hat er recht“, sagte Marianne, als Bruhns verschwunden war. „Irgendwie hängt das mit diesem Furienprojekt zusammen.“

„Ich vermute mal, dass Webermann Geschäfte hinter dem Rücken Ihres Mannes gemacht hat.“

Marianne gab ihr Recht. Irgendwie mussten sie Webermann oder von Boeder finden. Die beiden waren der Schüssel zu alledem.

*

Ein Urlaub war das nicht gerade, dachte Salino, als er endlich die letzten beiden schweren Umzugskartons auf den Dachboden gewuchtet hatte. Wenn man im Urlaub schwitzte, dann doch wohl eher von der Sonne, die einem im Angesicht des Meeres, auf den Pelz brannte.

Das kleine Zimmer unter dem Dach war jetzt fast leer. Ein Bett ein Schrank, das war alles. Nicht einmal eine Lampe gab es hier. Und gründlich geputzt werden musste hier auch noch. Salino hatte sich eigentlich nur deshalb so beeilt, weil er hoffte, Moni noch anzutreffen. Aber er hatte Pech. Als er endlich seiner Tante vermelden konnte, dass er alles erledigt hatte, war Monika bereits verschwunden. Statt einen sättigenden Blick auf diesen blonden Engel der Lust zu werfen, starrte er frustriert auf Besen, Eimer und Lappen, die Franziska ihm hinhielt.

„Eine alte Deckenleuchte findest du auf dem Dachboden. Schraubenzieher ist im Keller!“

„Ja, danke“, sagte Salino pampig.

Franziska funkelte ihn an. Bevor sie sich jedoch dazu durchringen konnte, ihn am Ohr zu fassen und ihm die Leviten zu lesen, griff er nach den Putzutensilien und machte sich auf den Weg in sein neues Reich.

Die Luft war abgestanden und muffig. Salino riss die Fenster auf. Es gab keine Fensterbank und nur sehr kleinen Butzenscheiben auf Kopfhöhe. Um herauszugucken, musste Salino sich eigentlich auf die Zehenspitzen stellen. Wenn er die Wahl gehabt hätte … Salino seufzte still. Irgendwie hatte er eine Ahnung, dass, auch wenn die Gäste wieder aus dem Haus wären, er nicht mehr auf die Gästeetage zurückkehren würde.

Die Deckenleuchten, die Salino auf dem Dachboden fand, waren allesamt grausam hässlich. Er entschied sich nach einigem Überlegen für einen pompösen Kronleuchter, den er nur mit Mühe in sein neues Zimmer schleppen konnte. Wenn schon Kitsch, dann aber auch richtig. Hoffentlich fiel er nicht mit diesem Ding von der Leiter. Wenn der Leuchter erst einmal an der Decke hing, dann dominierte er mit Sicherheit den ganzen Raum. Salino war zufrieden. Er ging hinunter in den Keller, um sich eine Trittleiter und einiges an Werkzeug zu besorgen. Bisher war er noch nicht in dem Keller gewesen. Die einzige Treppe, die hinunter führte, war die in der Küche. Gleich hinter der eisernen Stiege war eine schwere Holztür mit Beschlägen. Das Licht war wie so oft eher dürftig. Vereinzelte nackte Glühbirnen an den feucht aussehenden Wänden warfen scharfe und lebendig wirkende Schatten um sich. Salino fröstelte und das nicht nur wegen der Kälte. Keller waren noch nie seine Heimat gewesen.

Rechts waren verschiedene Boxen mit billigen Holzpanelen abgetrennt. Man konnte gut erkennen, was sich dort so alles stapelte. Jede Box hatte eine eigene Beleuchtung. Auf der anderen Seite befand sich eine Werkbank und Regale mit Lacken, Verdünnungsmitteln und sonstigem Bastelbedarf. Salino schaltete die Neonröhre ein, die über der Werkbank angebracht war. Der Starter summte, Lichtblitze flackerten durch den Raum und dann erlosch die Leuchtstoffröhre. Salino wollte den Schalter gerade wieder auf AUS schalten, da sprang sie wieder an und hielt konstant ihr Licht. Jedenfalls für eine Minute, bevor sie doch wieder ausging. Das war noch unheimlicher als ganz ohne Licht. Salino drückte auf den Schalter. Ein Phasenprüfer und etwas Isolierband waren schnell gefunden. Eine Lüsterklemme fand er in einer alten Blechdose, in der sich unsortiert diverse alte Schrauben tummelten.

Nach einer Leiter suchte Salino hier allerdings vergebens. Von dem recht großen Kellergewölbe gingen zwei Gänge ab. Salino entschied sich für den Richtung Norden. Der Keller schien von der Fläche her viel größer zu sein als das Haus darüber. Rechts von dem Gewölbegang gingen verschlossene Kammern ab. Salino öffnete einer der Türen. Er fand einen Lichtschalter. Der Weinkeller. Hier lagerten wohl an die 800 Flaschen oder mehr. Auch richtige Lampen gab es hier. Da war auch noch eine Speisekammer und eine Räucherkammer. Am Ende des Ganges war eine Tür. Salino stand unerwartet in der Garage. Die Garage war ein ganzes Stück vom Haus weg. Der Gang führte also unter dem Vorgarten durch. Wahrscheinlich bot sich so eine Bauweise an, weil das Haus selbst ja auf einem kleinen Hügel lag. Salino fand eine Leiter. Sie hing an der Stirnseite der Garage. Nun wollte er aber auch wissen, wo der andere Gang hinführte. Salino stellte die Leiter an Treppenaufgang zur Küche ab.

In dem anderen Gang befand sich eine große Waschküche. Zwei beinahe leere Lagerräume, die offenbar zum Trocknen der Wäsche benutzt wurden. In einem der Räume stand außerdem ein altes Mofa. Eine Velosolex, um genau zu sein. Garantiert fahruntüchtig. Offenbar hatte jemand versucht, den Motor wieder in Gang zu bringen. Der Auspuffdeckel lag neben dem Krad. Außerdem war der Zylinderkopf abgeschraubt und die Reifen waren platt. Von dem Rost und der mangelnde Farbe mal ganz abgesehen. Das konnte man aber wohl alles wieder in Ordnung bringen. Salino überlegte, ob er Franziska bitten sollte, ihn das Mofa reparieren zu lassen.

Am Ende führte der Gang hinaus in den Garten. Vom Haus aus war die Tür nicht zu sehen. Sie befand sich zwischen zwei Blumenbeeten und war ein ganzes Stück in den Hang eingelassen. Das war ein idealer Fluchtweg, falls man mal einen brauchen sollte. Der Ausgang befand sich auf halber Höhe zwischen dem Haus und dem Teich, der am südlichen Ende des Gartens in einer Senke lag. Von hier aus waren es vielleicht noch hundert Meter den Hügel hinunter bis zum Bootssteg. Salino beschloss, am Abend den Teich näher in Augenschein zu nehmen.

Als Salino die Leiter endlich hinauf in sein Zimmer gewuchtet hatte, war der Kronleuchter verschwunden. Einfach weg.

„Das war ja wohl nicht dein Ernst“, behauptete Tante Franziska schwer atmend. Offenbar hatte sie den Kronleuchter zurück auf den Dachboden geschafft. „Hier, das ist wohl eher etwas.“ Sie hielt Salino eine potthässliche grüne Emaille-Schirmlampe hin.

„Was? Wieso nicht den Leuchter?“

„Der war doch viel zu groß. Wie sieht denn das aus!“

„Ist doch wohl mein Zimmer?“

„Dein Zimmer?“ fragte Franziska mit leicht angehobener Tonlage. „Das wollen wir doch mal klarstellen: Das ist nicht dein Zimmer, sondern ein Notgästezimmer. Ich warne dich!“ rief Franziska erregt und hob drohend den Zeigefinger. „Versuch nicht, dich hier einzunisten!“

Salino nahm ihr knurrend die Lampe ab. Er verstand überhaupt nicht, was seine Tante ewig für ein Problem hatte. Hier gab es alles im Überfluss und Frau Weppert war doch sehr nett. Nichts, aber auch gar nichts sprach dagegen, hier eine Zeit lang unterzuschlüpfen. Wenn seine Tante nicht andauernd herumzicken würde, wäre das doch alles kein Problem. Wegen des Mofas fragte er im Moment wohl besser nicht. Genervt machte er sich an das Putzen der Fenster. Die Lampe anzubringen, danach stand ihm im Moment nicht der Sinn.

*

Frau von Boeders Garten war wohl kaum noch als Garten zu bezeichnen. Park wäre die richtigere Umschreibung gewesen. Einzeln stehende Eichen und Linden säumten den asphaltierten Weg, der sich durch die Anlage in zwei sanften Kurven zum Haus hin schlängelte. Auf dem gut gepflegten Rasen, der von kleinen Inseln mit Sträuchern und Blumen durchsetzt war, hätte man bequem fünf Fußballfelder unterbringen können. Marianne staunte. Sie war selber nicht unbedingt knapp bei Kasse, aber das hier war selbst für ihre Verhältnisse verschwenderisch. Das eigentliche Haus wirkte in diesem Umfeld eher schmucklos. Ein Neubau, der sich so gar nicht an den alten Baumbestand anpassen wollte. Groß sicherlich, aber eben neu. Marianne hielt vor einem der fünf Carports. Einen Moment zögerte sie mit dem Aussteigen. Ob einer dieser riesigen Hund hier draußen frei herumtollte? Womöglich hatte er sie bereits entdeckt. Sie sah sich nach allen Seiten um. Weit und breit kein Hund zu sehen. Dann stieg sie aus.

Nachdem sie eine schrille, billig klingende Klingel ausgelöste hatte, erwartete sie Hundegebell. Aber im Inneren blieb alles ruhig. Wahrscheinlich war niemand daheim.
Frau von Boeder selbst öffnet die Tür. Einer der Hunde stand wie eine Bronzestatue neben ihr. Der andere hatte unbemerkt hinter Marianne Position bezogen. Sie sah den anderen Hund nicht, aber sie wusste genau, dass er irgendwo hinter ihr sein musste. Diese Hunde hatten etwas Unheimliches an sich, fand Marianne. Sie waren so, … so still.

„Ja bitte?“

Marianne hatte sich nicht genau überlegt, was sie Frau von Boeder eigentlich sagen wollte.

„Ich bringe Ihnen Ihre Festplatte zurück“, stotterte Marianne verunsichert. Sie hob die Pappschachtel hoch, in der sie die Platte verpackt hatte. Frau von Boeder schaute indigniert. Offenbar hatte sie erst gedacht, Frau Weppert hätte ihr einen Kuchen mitgebracht. Jetzt schien sie nicht zu wissen, was sie machen sollte.

„Mathilda!“ rief sie ohne sich umzudrehen. Aus dem Haus hörte man Geschirr klappern. „Kommen Sie doch rein!“

Marianne spürte, dass sie das eigentlich ablehnen sollte. Es war die Art, wie Frau von Boeder das doch aussprach, dass sie an diesem Angebot ernsthaft zweifeln ließ. Aber warum ins Bockshorn jagen lassen?

„Danke“, sagte Marianne knapp und schob sich vorsichtig an der Dogge vorbei ins Haus. Der Hund hatte wohl genau mitgekriegt, dass sein Frauchen eigentlich keinen Besuch erwartete. Er wich jedenfalls keinen Zentimeter zur Seite, um Marianne durchzulassen.

Der Flur war voller Jagdtrophäen. Kitschig. Auch die Möbel. „Ihr Mann ist wohl leidenschaftlicher Jäger.“

„Ich nehme ihn manchmal als Treiber mit, oder um die Hunde zu halten“, sagte Frau von Boeder mit einem verächtlichen Blick. „Mathilda!“ rief Frau von Boeder sehr energisch.
Aus einer der Türen kam eine junge Frau, so schnell sie konnte herbeigeeilt. Besonders schnell war das allerdings nicht. Vielleicht wäre es erheblich schneller gegangen, wenn ihre Schuhe 12 Zentimeter weniger Absatz oder wenigsten der knöchellange Schlauchrock einen Schlitz gehabt hätte.

„Nimm das!“ kommandierte Frau von Boeder in einem Ton der einem Feldwebel Beine gemacht hätte. Mathilda streckte beide Hände vor und nahm die Tortenschachtel in Empfang.

„Vorsicht! Das ist schwer“, warnte Marianne die junge Frau.

„Bring das ins Arbeitszimmer“, trug Frau von Boeder Mathilda auf. Die Angestellte machte sich ohne ein Wort zu sagen sofort auf den Weg. Marianne zwang sich, der hektisch über den Natursteinfußboden trippelnden Frau nicht länger als nötig nachzusehen.

Sie folgte Frau von Boeder in das großzügig verglaste Wohnzimmer. Italienischer Marmor auf dem Fußboden, schwere rote Samtvorhänge und eine bunte Mischung von Möbeln aus drei Jahrhunderten. Marianne konnte sich ein unauffälliges Kopfschütteln einfach nicht verkneifen.

„Da wäre noch etwas“, sagte Marianne, bevor Frau von Boeder Gelegenheit hatte ihr etwas anzubieten. „Es geht um Ihren Mann, ich muss ihn dringend sprechen.“

„Gerne“, grunzte Charlotte von Boeder. „Wenn er es wagen sollte, hier noch einmal aufzutauchen, werde ich ihn zu Ihnen schicken. Gleich nachdem ich mit ihm fertig bin.“

Frau von Boeder schien tatsächlich zu glauben, dass ihr Frederik freiwillig zurückkehren würde. „Ihr Mann hat von Arabern gesprochen, mit denen er wohl geschäftlich zu tun hatte. Vielleicht wissen Sie etwas darüber? Wie gesagt, ich muss Ihren Mann unbedingt finden, es ist wirklich sehr wichtig.“

„Ich kümmere mich nicht um Geschäftliches“, sagte Charlotte und goss sich ein Whiskeyglas Dreiviertel voll. „Aber da war ein Araber“, fuhr sie nachdenklich fort. „Yuissep! Yuisepp al Fasah!“

“Yuiseep al Fasah!” wiederholte Marianne und notierte sich den Namen. „Und wissen Sie auch, wo ich den Mann finden kann?“

„Natürlich nicht“, sagte Charlotte entsetzt. „Gewöhnlich merke ich mir die Namen von jedem Hans oder Franz nicht. Das war jetzt reiner Zufall. Der Kerl hatte doch die Unverschämtheit besessen, hier zweimal nach 22 Uhr anzurufen. Schon beim ersten Mal hätte ich mit dem Kerl sprechen sollen, aber mein Mann war an den Apparat gegangen. Beim zweiten Mal habe ich ihm aber meine Meinung gesagt. Der hat seitdem nicht noch einmal angerufen. Das können Sie mir glauben.“

„Na, das kriege ich schon irgendwie raus“, machte sich Marianne selbst Mut. „Wenn ich ihn gefunden habe und Ihren Mann treffe, dann sage ich ihm, dass Sie ihn sehnsüchtig erwarten.“

„Wie kommen Sie darauf, dass mein Mann bei diesem al Fasah ist?“ fragte Charlotte irritiert.

„Ich glaube, das Verschwinden Ihres Mannes und der Tod meines Mannes hängen irgendwie zusammen. Und dieser al Fasah könnte der Schlüssel zu dem ganzen sein.“

Charlotte stellte nachdenklich ihr Glas ab. Wahrscheinlich machte sie sich nun doch ernstere Sorgen um ihren Gatten.

„Irgendwo in der Firma müssen ja Unterlagen sein. Vielleicht steht die Adresse in seinem Notizbuch. Ich setze mich mal mit seinem Sekretär in Verbindung, vielleicht weiß der etwas.“

„Das wäre wunderbar.“

„Wenn ich etwas herauskriege, melde ich mich bei Ihnen“, sagte Frau von Boeder und konzentrierte sich wieder auf ihr Glas.

Damit war Marianne wohl entlassen. Sie verabschiedete sich und beeilte sich, nach Hause zu kommen. Die Gäste für die Beerdigung mussten jede Minute eintreffen. Marianne war sich nicht ganz sicher, ob Frederik noch lebte. Aber wenn ja, dann war ihr absolut klar, weshalb er sich zu Hause nicht meldete.

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