Date 42


„Oh nein, das kann doch nicht wahr sein!“

Karin hätte am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht und das Lokal fluchtartig verlassen. Sie wußte es, das war wieder so ein totaler Blender. Schon bei dem Erkennungszeichen hätte sie es wissen müssen. Eine Rose. Rot. So was altmodisches.

„Sind wir verabredet?“ fragte Karin lauernd und ließ die rote Rose in ihrer Hand aufmunternd hin und her schwanken.

„Das sieht wohl so aus!“ sagte der Mann freundlich und erhob sich, um sie zu begrüßen.

Eigentlich hätte Karin sich auf ihr 42. Date gar nicht weiter einlassen sollen. Wer bei seinem Profil derart falsche Angaben macht hatte ganz sicher nicht alle Tassen im Schrank. Aber so frech zu lügen, das hatte auch was. Karin wollte jetzt aber eine gute Geschichte hören, warum man so offensichtlich in seinem Profil log. Das musste dem Kerl doch klar sein, dass damit so einfach nicht durchkam. Sie hatte nicht gelogen. 28, na gut inzwischen 29, blond, na gut gefärbt, 173, na gut mit Pumps. Kleinigkeiten halt. Dennoch schaute der Mann irritiert und leicht enttäuscht drein. Der hatte Nerven. Von 35, sportbegeistert, 192 und 65 Kilo, war das was sich Karin hier bot meilenweit weg.

„Setzen Sie sich doch“, sagte er charmant und deutete an, dass er ihren Stuhl zurechtrücken wollte. Nett. Aufmerksam.

„Möchten Sie einen Kaffee?“ fragte er und winkte unauffällig der Bedienung zu.

„Wenn ich ehrlich bin, dann steht mir der Sinn jetzt mehr nach Rotwein.“

Sie wußte, dass das einen Punktabzug gab, wenn man am frühen Nachmittag zu Alkohol griff. Egal, von diesem Mann wollte sie ja sowieso nichts, außer vielleicht gute Lügengeschichte hören.
„Na dann empfehle ich Ihnen den Merlot“, sagte er nach einen kurzen Blick in die Karte.

Eigentlich war Karin es gewohnt sich ihre Getränke selbst zu bestellen, aber sie intervenierte nicht, sondern nickte nur. Sie war so gespannt, was der Kerl ihr jetzt Haarsträubendes auftischen würde.

„Dann hätten wir gern zwei Merlot.“

Die Bedienung nickte stumm und schlurfte zurück zur Theke.

„Nun mit der Größenangabe in Ihrem Profil haben Sie aber ein wenig übertrieben“, platzte es aus Karin heraus, als der Mann sich ihr wieder freundlich lächelnd zuwendet hätte.

Er lachte hell und offen auf.

„Ja, ist das ist schon wahr. Aber meiner Erfahrung nach haben Frauen Hemmungen sich mit kleineren Männern einzulassen, daher habe ich ein wenig drauf gerechnet, um meine Chancen nicht schon vorzeitig einzuengen. Es ist ja nur eine Kleinigkeit!“

Eine Kleinigkeit? 30 Zentimeter kann man wohl kaum als Kleinigkeit ansehen.

„Ist das schlimm?“ fragte er.

„Ich mag keine Lügner!“

„Ach? Aber mit ihrer Altersangabe waren Sie doch auch eher großzügig, oder!“

„Bitte?“ empörte sich Karin. „Als ich das Profil erstellt habe, war das genau mein Alter!“

„Tatsächlich?!“

Der Mann schien belustigt.

Erstmal konnte Karin nicht verstehen, wie er ihr dieses eine Jahr ansehen konnten und dann war das ja wohl nun wirklich eine Kleinigkeit. Vor allem wenn man bedachte, dass der Blender selbst sicherlich gut 20 Jahre von den angegebenen 35 weg war.

„Nun wollen wir nicht kleinlich sein und uns den Tag verderben. Wir haben wohl im Profil beide einiges beschönigt.“

Der Kerl brachte sie zur Weißglut. Sie hatte gar nichts beschönigt.

„Ich schlage vor, wir fangen noch mal ganz von vorne an. Ich heiße Martin, bin 52 Jahre alt, 172 und seit drei Jahren Witwer, Prost!“

Diese Frechheit verschlug Karin den Atem. Martin hielt ihr das Weinglas, das die schlurfende Kellnerin, fast unbemerkt, allemal aber kommentarlos auf den Tisch gestellt hatte, hin und wollte tatsächlich mit ihr anstossen.

„Prost“, sagte sie genervt. Sie konnte nicht umhin, diese Dreistigkeit zu bewundern.

„Möchten Sie sich auch vorstellen?“

Wozu? Das stand doch alles in ihrem Profil.

„Ich bin Karin, 29, 173, Anwaltsgehilfin.“

Martin stellte sein Glas ab und sah sie verwirrt an.

„Das ist ja ein Zufall. Ich bin Anwalt!“

Anwalt? Noch so eine Lüge, im Profil stand Fitnesstrainer.

„Und sportlich? Was machen Sie so sportlich?“

„Ein oder zweimal die Woche bin ich im Fitnessstudio, aber mehr in der Sauna als an den Geräten.“

Aha, so läuft das. Hängt zweimal in der Woche in der Sauna und rum und behauptet einfach er sei Fitnesstrainer.

„Ich trainiere 4 mal die Woche, spiele Handball und Golf“, trumpfte Karin auf.

„Noch eine Gemeinsamkeit“, grinste Martin breit. „Ich bin Rechtsberater in einem Golfklub.“

„Welches Handicap?“

„Wie? Ach so, völlige Unsportlichkeit!“

Martin schien das alles sehr zu amüsieren. Er begriff wohl nicht, dass sie nicht seinetwegen noch hier saß, sondern nur, um ihn bloßzustellen.
„Sieht so aus, als ob wir so gar nicht zusammenpassen!“ preschte Karin vor, um der Sache ein Ende zu bereiten.

„Wie man es nimmt!“ sagte Martin. „Man soll jedem eine Chance geben. Und das hat sich heute wieder mal gezeigt.“

Der glaubte doch jetzt nicht wirklich, dass er irgendwelche Chancen bei ihr hatte …

„Wie gesagt, ich stehe nicht auf unehrliche Männer!“

„Aber davon wollen wir uns doch nicht Nachmittag verderben lassen. Wo wir schon mal hier zusammen sitzen, lassen Sie uns doch noch mal auf die Sache mit der Anwaltsgehilfin zurückkommen. Ich hätte da gerade eine Vakanz!“

„Sie treffen sich mit mir unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, zu einem Date und wollen mich in Wirklichkeit nur abwerben!?“ braust Karin auf.

„Vorspiegelung falscher Tatsachen? Wunderbar. Sie sind genau die Assistentin, die ich suche. Im Ernst, lassen Sie mich Ihnen ein Angebot machen …“

Der Kerl war frech. Rotzfrech.

„Sie wissen, dass ein Eheversprechen rechtsverbindlich ist und das so ein Date mit dem Ziel der Anbahnung einer Ehe durchaus als solches verstanden werden kann!? ... Und dann wollen Sie mich mit einer Stelle als Assistentin abfinden?“

Karin war jetzt so richtig in Fahrt gekommen. Dem würde sie es zeigen.

„Großartig!“

Martin freute sich wie ein kleiner Junge. Karin mußte lachen, diese Fröhlichkeit war irgendwie ansteckend.

„Streng genommen würde ich auch jeden der in seiner Bewerbung schon beim Alter fast dreißig Jahre aufschlägt und als Erfahrung vortäuscht, nicht mal mehr zum Bewerbungsgespräch einladen. Ich sag’s ja, man muss dem Leben immer eine Chance geben.“

Was faselte er da.

„Ich habe nicht gelogen! Schon gar nicht beim Alter!“

„Ach so. Bei der Profilerstellung waren Sie 51 und nun sind Sie verblüffenderweise 27. Im Ernst, das macht doch jetzt keinen Sinn!“

„Was?!“

Karin verstand wirklich nicht, was der Kerl da redete. Sie wollte das gerne aufklären, aber an einem der Tische beim Eingang entstand in diesem Moment ein lautstarker Tumult.
„Das habe ich nun wirklich nicht nötig“, schrie eine kleine, rundliche Frau in den Fünfzigern einen jungen Kerl an.

„Das ist ja wohl eine Frechheit!“ schrie der sportliche Mittdreißiger zurück. „So unverschämte Lügen sind mir noch nie untergekommen. Alte Schachtel!“

Der Mann verließ fluchtartig das Lokal. Die kleine, rundliche Dame legte Geld auf den Tisch, nahm ihren Mantel und man sah ihr die Tränen, die gleich kommen würden, bereits an.
„Verdammtes Schwein!“ fluchte sie und verließ ebenfalls das Lokal.

Das Geld blieb auf dem Tisch zurück, gleich neben den zwei roten Rosen, die achtlos auf den Tisch geworfen worden waren.

Verdutzt hatten Martin und Karin, sowie alle anderen Gäste, die Situation beobachtet. Wenn Karin eins hasste waren das herumpöbelnde Männer. Ihr wütender Blick fiel zurück auf die Rosen und ihr dämmerte etwas Unvorstellbares. Sie sah Martins fragenden Blick und fast gleichzeitig ging den beiden ein Licht auf.

„Sie sind nicht Erik33, nicht wahr?!“

„Und Sie sind nicht MechthildF, oder?!“

Beide schüttelten den Kopf. Dann starrten sie sich einen kurzen Moment wortlos an, bis sich bei Martin ein Grinsen anbahnte. Eine Sekunde später brachen beide in lautes Gelächter aus.

„Noch einen Wein?“ fragte Martin, als Karin mit dem Husten fertig war, der dem Lachkrampf unweigerlich folgte.

„Oder ... darf ich Sie zum Italiener einladen?“ setzte Martin unsicher nach.

Karin überlegte kurz.

„Beides!“ sagte sie dann gut gelaunt. Aber, nur als Assistentin kriegst du mich nicht, dachte sie beim Anstossen, als sie Martin das erste mal tief und bewußt in die Augen sah.