Das Osterwasser

Ostergeschichte

Erik war hochgewachsen, blond, muskulös, mit herben Gesichtszügen, vielleicht ein bisschen linkisch, mit einem Wort ein Bild von einem Mann. Jedenfalls sah Julia das so. Hier im Dorf nannte man ihn nur den Schweden. Vermutlich, weil er Schwede war. Oder einfach nur, weil er so blond war. Er war der einzige Zugezogene in den letzten 25 Jahren. Eigentlich war er nur für eine Saison zum Holz schlagen hergekommen. Damals, als der große Sturm eine ganze Kiefernschule umgeschmissen hatte. Aber dann war er aus irgendeinem Grund geblieben.

Böse Zungen behaupteten, die Haushälterin des Pfarrers habe ihn verhext, doch Julia wusste es besser. Ihretwegen war er geblieben. Nur irgendwie wusste er das wohl nicht.

Vielleicht war an der Geschichte mit der Haushälterin auch etwas dran. Ein bisschen komisch war das schon, dass er immer so um sie herumschwänzelte. Und mit dem Pfarrer, das war auch so eine Sache. Das könnte schon sein, dass sie eine Hexe war.

Julia hatte angefangen die Frau im Auge zu behalten. Nicht, dass sie sie direkt verfolgte, aber sie schaute schon hin und wieder mal nach dem Rechten.

*

Am Sonntag zum Beispiel. Es war der Ostersonntag. Da verließ Ivonna schon ganz früh die Pfarrei. Und ganz früh war bei Julia kurz vor Sonnenaufgang. Sie hatte das überhaupt nur mitbekommen, weil sie gleich neben dem Pfarrhaus wohnte und das schmiedeeiserne Gartentor so verrostete Scharniere hatte.

Julia war aufgesprungen und zum Fenster gegangen. Sie sah gerade noch, wie Ivonna auf die Dorfstraße in Richtung Hartgauer Forst einbog. Sie überlegte nicht lange und schlüpfte in die Klamotten von gestern, die noch auf dem Stuhl neben dem Bett lagen. Dann nahm sie im Laufschritt die Verfolgung auf.

Als sie den Dorfrand erreichte, konnte sie nur raten, wohin Ivonna verschwunden war. Sie entschied sich spontan für den Weg zur Ratzinger Quelle.

Die hieß früher einfach nur Quelle und der Weg, der dort hin führte hieß schlicht Quellweg. Aber nachdem der Ratzinger Papst geworden war und der Pfarrer zu berichten wusste, dass er eben diesen Weg einmal mit dem jungen Seminaristen Ratzinger entlang gewandert war, wurde der Trampelpfad zum Ratzingerweg breit getreten. Überflüssig zu erwähnen, dass unser Pfarrer seinerzeit auch eine Erscheinung der Jungfrau Maria an eben jener Quelle hatte.

Es wäre aber keine rechte Dorfgemeinschaft gewesen, wenn nicht einige Bewohner sofort vermutet hätten, dass es sich keineswegs um eine Jungfrau und schon gar nicht mit dem Namen Maria, handelte, sondern vielmehr, um eine lebenslustige Polin, namens Ivonna, die kurz drauf seine Haushälterin wurde.

Ob diese alte Geschichte nun Einfluss darauf hatte, welchen der drei möglichen Forstwege Julia gewählt hatte, ließ sich nicht genau sagen. Sicher aber war, dass Julia nach wenigen Minuten auf dem Pfad zur Quelle einfiel, dass es in Schweden Brauch war, dass die schwedischen Frauen in der Nacht zum Ostersonntag zu einer Quelle pilgerten, um dort einen Krug Wasser zu holen. Mit diesem Wasser wurden dann Männer bespritzt, die sich daraufhin unverzüglich und haltlos in die Wasserholerin verliebten. Das Ganze funktionierte aber nur, wenn niemand die Frau beim Holen des Wassers beobachtete.

Mechanisch beschleunigte Julia ihren Schritt. Hatte sie es doch gewusst. Eine Hexe. Jetzt war sie sich ihrer Sache ganz sicher. Aber Julia würde ihr die Suppe, oder besser das Wasser, schon mächtig versalzen.

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