Blutiger Schnee

Weihnachtgeschichte

Die Axt war tief in den Hackblock eingedrungen. Ihr Stiel ragte wie ein Hinweisschild in die Luft. Es zeigte ins Nirgends der weißen Schneewüste. Die Bäume trugen schwer an ihrem Zuckerguss, die Dächer der Holzhütten ächzten unter dem Gewicht der erdrückenden Last und alle noch farbigen Flächen glänzten feucht vom Tauwasser der Mittagssonne.

Maike war mit ihren Eltern hier herauf gefahren, um den Neujahrstag mit ihnen zu feiern. Es war das erste Mal, dass sie dem Leben der Großstadt entkommen war. Und hier oben war alles anders, so ruhig, so einsam. Das war gar nicht nach ihrem Geschmack. Dauernd erwartete sie, dass etwas geschehen würde. Aber es geschah einfach nichts.

Die Stille der Landschaft machte ihr Angst. Doch dieser Urlaub war dringend nötig. Ihre Eltern hatten sich die letzte Zeit über nicht besonders gut verstanden. Um nicht zu sagen, sie hatten sich permanent gestritten. Und hier in den Wäldern wollten sie eine Woche lang sehen, ob sie sich überhaupt noch etwas zu sagen hatten. Kein Büro, kein Telefon, nur ihre Familie. Tante Franziska und die Großeltern waren auch mitgefahren.

Es hatte keine zwei Tage gedauert, da hatten sich die Eltern wieder gestritten. Heftiger denn je. Maikes Mutter hatte sogar mit einem Messer nach dem Vater geworfen.

Bei dem Streit ging es um eine andere Frau, soviel hatte Maike verstanden, aber das wichtigste war, dass sie Angst um ihren Vater hatte. Er war am Abend nicht wieder gekommen, vielleicht war er für immer gegangen. Maike schaute auf den Hackblock. Da war etwas, das ihr seltsam erschien. Sie sah genauer hin. Dort, wo die Axt in den Holzstumpf gedrungen war, sah sie etwas Dunkles und feuchtes. Sie ging näher heran. Neben dem Stumpf entdeckte sie einen großen Kreis mit rot verfärbtem Schnee. Sofort dachte sie an ihre wütende Mutter, das Messer und die Axt. Die Angst blieb ihr wie eine riesige Trockenpflaume im Hals stecken. Jetzt wusste sie, warum der Vater nicht nach Hause gekommen war. Ihm war etwas Schreckliches zugestoßen, und sie war sich sicher, dass er nun nie mehr zurückkäme.

Maike wollte in die Hütte zu ihrer Mutter laufen. Was würde sie wohl sagen, wenn sie hörte, dass sie wusste, was die Mutter getan hatte. Maike war nicht sicher, warum ihre Mutter das überhaupt getan hatte, aber bestimmt war es unbedingt nötig gewesen. Maike liebte ihre Mutter und sie würde ihr alles verzeihen.

Gerade wollte Maike umdrehen und zu ihrer Mutter laufen, da entdeckte sie die Spur. Da waren einige Bluttropfen im Schnee. Und etwas weiter in Richtung des alten Lagerschuppens waren noch mehr.

Maike zögerte. Vielleicht war es noch nicht zu spät. Vielleicht hatte es ihr Vater geschafft zu entkommen und sich irgendwo hingeschleppt. Vielleicht brauchte er ihre Hilfe, lag hilflos, verletzt da hinten im Wald und wartete auf sie.

Was würde ihre Mutter dazu sagen, wenn Maike mit dem geretteten Vater heimkäme? Egal! Schließlich war es ihr Vater, und sie liebte ihn genauso wie ihre Mutter. Was konnte sie denn dazu, dass die beiden sich immer so heftig stritten? Sie musste ihn finden und einen Arzt rufen. Aber keine Polizei, dann würde es auch für die Mutter keinen Ärger geben.

Maike ging der blutigen Spur nach, die zehn Meter vor dem Schuppen plötzlich die Richtung wechselte. Jetzt zeigte sie in Richtung Blockhütte der Großeltern.
Wenn Großmutter ihn nun schon gefunden und der Mutter Bescheid gesagt hatte. Und wenn die, statt den Arzt zu rufen … Maike wollte lieber nicht daran denken. Ihre Mutter sagte immer, wenn man eine Sache anfängt, macht man sie auch zu Ende. Maike lief mit tief einsackenden Schritten durch den hohen Schnee. Mit einem Male hatte sie es eilig.

Doch dann hielt sie inne. Die Spur hatte wieder die Richtung geändert. Jetzt ging es erneut in Richtung Lagerschuppen. Gut gemacht! Ihr schlauer Vater hatte wohl den gleichen Gedanken wie sie gehabt. Aber auf Maike konnte er sich verlassen. Sie würde ihn schon retten.

Maike rannte strampelnd auf den Schuppen zu. Die Tür stand halb offen und die Spuren führten dort hinein. Ja, da war ihr Vater in Sicherheit.

Schon durch die Tür konnte Maike den am Boden liegenden Vater erkennen. Zumindest seine Beine. Sie stürzte in den Schuppen und warf sich mit Tränen in den Augen auf den sterbenden Vater. Gott sei Dank, er bewegte sich noch, und auf den ersten Blick schien auch alles an ihm noch dran zu sein.

Ihr Vater drehte sich unter Schmerzen zu ihr um und erkannte durch die glasigen Augen seine Tochter. Er streichelte ihr über das Haar und sagte mit schwerer Stimme. „Mach dir keine Sorgen kleine Maike, bald ist alles wieder gut.“

„Ich hole den Arzt“, rief Maike in Panik, der Vater könnte jeden Moment sterben. Doch er hielt sie am Arm fest und eine fremde Stimme sagte:

„Lass das mal, junge Dame, der wird schon wieder nüchtern.“

Maike sah auf. Das saß der Großvater auf einem alten Schemel und grinste sie an.

„Männer brauchen das manchmal, wenn sie Kummer haben.“

Erst jetzt merkte Maike, dass ihr Vater unverletzt war, aber ziemlich unangenehm roch.

„Aber, was sagst du hierzu, kleine Dame“, fuhr der Großvater fort und hielt ihr einen geköpften und halb aus dem Fell geschlagenen Hasen hin.

„Tja, das kann der Alte immer noch. Weißt du, früher bin jeden Monat zur Jagd gefahren. Aber ich werde langsam älter. Stell dir vor: Ich hätte doch heute fast vergessen, den Hasen aus dem Fell zu schlagen, bevor ich ihn zu deiner Großmutter bringen wollte. Das hätte ein Theater gegeben. Sie hasst den Anblick toter Tier mit Fell.“

Maike konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und heulte hemmungslos und erleichtert los.

„Ach, ihr Weiber seid alle gleich“, brummte der Großvater verständnislos. „Wenn ihr ein totes Tier seht, fangt ihr an zu heulen, aber wenn es dann als Braten auf dem Tisch steht, langt ihr genauso zu wie alle anderen.“

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