Karfreitag

Ostergeschichte

Karfreitag war eindeutig schlimmer als Heilig Abend. Karfreitag war die Stammkneipe immer zu. Karfreitag war jede Kneipe in der Gegend zu. Karfreitag war halt zu. Henry war schon dankbar, dass wenigstens der Kiosk auf hatte. Vielleicht hatte den Persern niemand erklärt, warum heute alles zu war. Oder vielleicht doch. Der Perser an sich ist ja geschäftstüchtig. Und fleißig. Jedenfalls bekam er hier seinen Asbach.

Henry deckte sich vorsorglich mit Vorrat ein, soweit es eben seine Mittel zuließen. Das war nicht viel. Und es würde ihm nicht einmal über den Tag helfen. Keine Möglichkeit anschreiben zu lassen. Das hieß Entzug. Seine Abneigung gegen Katholiken erreichte an jedem Karfreitag seinen bedingungslosen Höhepunkt. Aber was half’s.

*

Es war noch nicht einmal 16:00 Uhr als sein Spiegel zu sinken begann. Nirgends eine Möglichkeit, was abzugreifen. Und so spendabel wie Weihnachten waren die Leute auch nicht. Karfreitag war Scheiße. Henry zog durch die Straßen, auf der Suche nach ein paar Euro, oder einer Möglichkeit irgendwie an seinen Schnaps zu kommen. Nichts. Selbst die türkischen Läden hatten zu. Die waren ja so was von assimiliert. Wo waren bloß die anderen Alkis an diesem Tag?

*

Henry war nicht gerade eine Leuchte, aber plötzlich ging ihm ein Licht auf. Die waren vermutlich in der Kirche. In der Kirche gab es doch wenigstens Wein, wenn man Glück hatte.

In der Ferne läuteten die Glocken zum Messwein fassen. Henry beeilte sich ein Gotteshaus in der Nähe zu finden. Wen ihm jemand gesagt hätte, dass der Tag kommen würde, an dem er sich auf die Suche nach Gott machen würde, hätte er ihn lauthals ausgelacht. Aber heute? Er hatte keine Ahnung, wann es den Wein gab? Vor dem Essen, zum Essen, nach dem Essen oder, wie bei ihm, anstatt des Essens? Egal. Keinesfalls wollte er die Gelegenheit verpassen.

*

Es war lange her, dass Henry eine Kirche betreten hatte. Fast wäre er zurückgeschreckt. So feierlich kam ihm das Gotteshaus vor. Es waren nur wenige Gäste da, aber die waren still in Gebete vertieft. Die bunten Fenster, der Altar, das ehrfürchtige Schreiten der Ministranten, das alles beeindruckte Henry. Für einen kurzen, ganz kurzen Moment geriet ihm sein erklärtes Lebensziel aus den Augen.
In der letzten Reihe drückte sich Henry auf die Bank, ganz am Rande, so dass er jederzeit fliehen könnte.


Rückkehr der Todeseier


Diese und andere Geschichten bei Amazon lesen. Für Prime-Mitglieder kostenlos …

Auf dieser Seite werden weder Cookies, noch Tracking-Software eingesetzt. Technisch bedingt werden externe Fonts und ein Zählpixel der VG-Wort verwendet. Alle Informationen finden Sie in der DATENSCHUTZERKLÄRUNG.